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„Massenware ist tödlich“ - Antiquariate im Wandel

Umzug ins Internet „Massenware ist tödlich“ - Antiquariate im Wandel

Die Preise für die Bücher von gestern sind im Sinkflug. Die Massenware des 20. Jahrhunderts taugt oft nur noch fürs Altpapier. Aber das Antiquariat lebt - dank anderer Geschäftsmodelle.

Frankfurt/Main. Heute hat Jörg Mewes wieder 20 Bananenkisten mit alten Büchern zum Wertstoffhof gebracht. Unverkäufliche Massenware, die in seiner „Bücherstube“ nur Platz verbrauchen und Kosten verursachen würde. Also weg damit.

Mit alten Büchern Geld zu verdienen werde immer schwerer, sagt der Antiquar aus dem nordrhein-westfälischen Overath. „Das Angebot wird größer, die Nachfrage kleiner.“ Es ist wie bei der Milch, sagt Mewes: „Das Zeug wird immer billiger, aber haben will es trotzdem keiner.“

Seine Kollegin Sibylle Wieduwilt macht ganz andere Erfahrungen. In Frankfurt am Main betreibt sie das Antiquariat „Tresor am Römer“. Hier gibt es keine überquellenden Regale und keine Ramschkisten. Das teuerste Buch, das sie derzeit im Angebot hat, kostet 22 500 Euro: ein großformatiges, illustriertes naturwissenschaftliches Werk aus dem Jahr 1771. „Der Preisverfall betrifft vor allem das 20. Jahrhundert“, sagt Wieduwilt. Mit seltenen, besonderen, hochwertigen, hochpreisigen Büchern könne man durchaus Geld verdienen.

Zahlenmäßig gibt es heute nicht weniger Antiquariate als früher - Schätzungen gehen von 1000 bis 1200 Firmen im deutschsprachigen Raum aus. Darunter sind Privatleute im Nebenerwerb, Großhändler mit Dumpingpreisen, Spezialanbieter für Raritäten und das Liebhaber-Stöber-Paradies um die Ecke. „Das Antiquariatssterben gibt es nicht“, sagt Wieduwilt, die auch Vorsitzende des Verbands Deutscher Antiquare ist. „Sie sind nur umgezogen: ins Internet“, sagt Mewes, im Nebenberuf Vorsitzender der Interessengruppe Antiquariat im Börsenverein des Deutschen Buchhandels.

Das Internet ist Segen und Fluch der Antiquariate zugleich. Vor rund 20 Jahren startete das „Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher“ (ZVAB). Der ehemalige Garagen-Laden wurde mehrfach verkauft und gehört nun einer Amazon-Tochter. Als eine Art Gegenentwurf gibt es die genossenschaftliche Plattform antiquariat.de. Der Vorteil solcher Suchhilfen: Online findet jeder Kunde, was er sucht, egal wie ausgefallen, egal wie weit entfernt.

Die Kehrseite: Dank des Internets überschwemmt eine Bücherflut den Markt und verdirbt die Preise für alles, was in Masse produziert wurde. Laden-Antiquariate müssen schließen - oder sich neue Einnahmequellen suchen wie das „Antiquariat Schutt“, das versteckt in einem Hinterhof in Frankfurt-Bornheim liegt. Bei Angelika Schleindl steht ein Flügel im Raum und ein Sofa, in einem Nebenraum gibt es eine kleine Küche. Bücher verkauft sie kaum. „Die meisten kommen rein, um Bücher loszuwerden“, sagt Schleindl.

Umsatz? Kaum vorhanden. Ein paar Bücher verkauft sie über die Internet-Plattform booklooker.de, im Laden ist es manchmal ein Buch im Monat. Aufgeben will sie das Antiquariat trotzdem nicht. „Das ist mein Spielzimmer“, sagt Schleindl. „Das habe ich mir schon als Kind gewünscht.“ Die Miete für das Antiquariat erwirtschaftet sie durch die Buchhandlung im Vorderhaus und durch Vermietung: Der Raum mit Regalen bis unter die Decke ist beliebt für Lesungen, Schreibgruppen und Salons - das Antiquariat als Kulisse.

„Weniger ist mehr“ ist die Devise von Sibylle Wieduwilt. Die Antiquarin zahlt im Einkauf lieber 1000 Euro für ein Buch, als 1000 Bücher für je einen Euro zu erwerben. „Massenware ist tödlich“, sagt sie. Vor 20 Jahren, erzählt Mewes, hat er von einer 5000 Bücher umfassenden Bibliothek, die ihm angeboten wurde, zwei Drittel genommen - heute kauft er zehn Prozent. Manchmal bestehen die Erben darauf, dass er alles mitnimmt. Dann sagt er: „Ich zahle Ihnen 2000 Euro für alles und 2500, wenn ich aussuchen darf.“

Auf der Frankfurter Buchmesse spielen antiquarische Bücher kaum eine Rolle. An der begleitenden Antiquariatsmesse in Halle 4.1. nehmen im zwölften Jahr ihres Bestehens nicht einmal 40 Firmen teil. Interessant ist sie vor allem für international denkende Antiquare, die hier Kunden von außerhalb Europas finden können oder Kontakte knüpfen wollen zu Verkäufern aus Asien oder USA. Für den normalen „Secondhand-Buchhandel“, wie Wieduwilt sagt, ist die Messe zu teuer.

Auch zu Hause wollen immer weniger Menschen die Wände voller Buchrücken haben. Nicht mal Intellektuelle bauen sich heute noch eine Bibliothek auf, sagt Mewes. Gerade Akademiker ziehen ja oft um und lieben nicht selten schlichte Kargheit. „Die Bücherwand ist kein Statussymbol mehr.“ Wer eine Bücherwand oder gar eine ganze Bibliothek erbt und verkaufen will, hat Mühe, einen Antiquar zu finden. „Die Erben bleiben auf ihren Bücherbergen sitzen.“

dpa

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