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Mauer, Macht, Menschen

Mauer, Macht, Menschen

Ein Buch und eine Ausstellung in Berlin mit einst geheimem DDR-Archivmaterial über die Berliner Mauer geben einen umfangreichen und detaillierten Einblick in die Mechanismen der Grenzsicherung

Berlin. „Tschek v. d. Halbinsel Krim“, schwarz-gelb, körperlicher Zustand gut, Wachhund. Besondere Kennzeichen: ein Hoden. „Hasso“, schwarz-grau, Wachhund, körperlicher Zustand gut, keine besonderen Kennzeichen. – So geht es seitenweise weiter. Akribisch aufgelistet sind Steckbriefe von Hunden, die an der innerdeutschen Grenze ihren Dienst taten. Diese Visitenkarten sind nur kleine Puzzleteilchen in einer Mammut-Dokumentation, die einen ungewohnten Blick auf die Berliner Mauer wirft. In zwei dicken Bänden und einer Berliner Ausstellung ist nicht nur eine lückenlose Ansicht des gesamten Verlaufs der Grenzanlagen vor 50 Jahren mit dem Blick von Ost nach West zu sehen. Dokumentiert und künstlerisch verdichtet sind in dem Projekt „Inventarisierung der Macht. Die Berliner Mauer aus anderer Sicht“ Aufnahmen des gesamten Mauer-Equipments samt Personal sowie Aussagen über die Menschen, die an der Mauer Dienst taten, die sie überwinden wollten und die durch sie starben.

Alles begann 1996, als der Fotograf Arwed Messmer und die Schriftstellerin Annett Gröschner für ein Forschungsprojekt über einen bestimmten Mauerabschnitt Archivmaterial im Militärischen Zwischenarchiv Potsdam sichteten. In einem unscheinbaren Pappkarton fanden sie etliche Rollen mit Kleinbildnegativen – Panoramabilder der Berliner Mauer. Wie sich später herausstellte, wurden diese 1966 von den DDR-Grenztruppen angefertigt – nicht nur in der Stadt, sondern auch in den Außenbereichen. Aus den Panoramen entstand zunächst eine Foto-Ausstellung. 2012 entdeckten Messmer und Gröscher weitere Bilder, die sie mit Auszügen und bearbeiteten Texten aus Akten des Bundesarchivs und Militärarchivs wie eine Collage neu geordnet und verdichtet haben.

Panoramen und Einzelbilder zeigen den gesamten Mauerverlauf. Zu sehen sind außerdem seitenweise Schwarz-Weiß- Aufnahmen von Fluchttunneln, von Leitern, Wachtürmen, verpixelte Porträts von Grenzsoldaten und Fluchtskizzen. Auch die Texte wurden thematisch sortiert oder treten in Dialog mit den Fotos. Einzelne Sätze etwa aus Festnahmeprotokollen werden im Telegrammstil nebeneinandergestellt: „Er hatte 500 Mark dabei. Damit wollte er spazieren gehen. + Er wollte nachsehen, warum der Gully dampft + Er behauptete, nur Zigaretten holen gegangen zu sein.“ Bei den Auszügen aus Belobigungen für Grenzsoldaten finden sich Zitate wie „Besonders hervorzuheben ist sein klassenmäßiges Auftreten bei gegnerischen Provokationen an der Staatsgrenze + In der Freizeit arbeitet er im Haushalt und unterstützt seine Frau bei der Erziehung der Kinder.“ Und auch die Tadel sind höchst aufschlussreich: „Er verrichtete seine große Notdurft auf dem Dach. + Er zog die Parolen ins Lächerliche, indem er Parole Votze-Vogelsang rief + Er unterließ die Meldung + Er rief: Wenn wir jetzt bei Adolf wären, würde ich Sie bis heute Abend schleifen.“ Zitate, die deutlich machen, dass nicht nur Hundertprozentige an der Grenze Dienst taten, dass viele Soldaten erheblich unter Druck standen.

Besonders ergreifend sind die Fluchtprotokolle, die in verständlicher Sprache zusammengefasst und in manchen Fällen auch nachrecherchiert wurden. Und selbst da stehen wieder Hunde im Protokoll, die Fluchten verhinderten. Oder selbst ausgerissen sind, wie Diensthund Trux, dem es 1969 gelang, „gegen 18 Uhr durch Zerbeißen des Drahtes aus der Laufanlage auszubrechen. Erst irrte er im Gelände umher, bis er gegen 18.10 Uhr . . . mit dem Kommandeur des Unterabschnitts 3, Unterleutnant K., und seinem Adjutanten Soldat R. zusammentraf. Er fiel sie an und biss kräftig zu. Gegen Diensthund Trux wurde wie gegen jeden anderen Flüchtling die Schusswaffe angewandt, zehn Schuss kamen aus der MPi des Adjutanten, zwei aus der des Kommandeurs.“

Diese Dokumentation als Kunstprojekt zeigt einerseits, wie penibel die Buchhalter der Macht in der DDR jedes noch so kleine Detail notiert haben. Und sie entlarvt dieses System, das seine Bewohner einsperrte, als ebenso perfide und böse wie banal. Wer seinen Kindern oder Enkeln erklären möchte, wie die Berliner Mauer möglich sein konnte, hat mit diesem Buch bestes Anschauungsmaterial.

Petra Haase

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