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„Mein Glaube ist noch verrückter: Ich glaube an den Menschen!“

„Mein Glaube ist noch verrückter: Ich glaube an den Menschen!“

Wolf Biermann feiert heute seinen 80. Geburtstag. Am 17. November jährt sich zum 40. Mal seine Ausbürgerung aus der DDR. Ein Interview.

Sie sind einer der letzten Dialektiker. Ihre Spezialität sind Wendungen wie „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“. Ist diese Methode des Zusammenführens von Gegensätzen nicht an das kommunistische Weltbild gebunden, von dem Sie sich doch gründlich verabschiedet haben?

Wolf Biermann: Das dialektische Denken gab es schon in der griechischen Philosophie, nämlich die Fähigkeit, den Widerspruch in den Dingen zu erkennen, und zu begreifen, dass dieser Widerspruch keine Sinnestäuschung ist, sondern eine immanente Tatsache. Das ist alt wie die Menschheit.

Einige Autoren schreiben auch heute gern Sätze wie „Er ist schwach und dennoch stark.“ Warum wirkt das schnell wie Gelaber?

Wolf Biermann: Es ist so leicht, ungebildeten Leuten eine Tiefe vorzugaukeln, indem man widersprüchliche Dinge über eine Sache sagt, die in der Wirklichkeit keine Entsprechung haben. Dahinter steckt weder Beobachtungsschärfe noch Gedankenarbeit. Die Leute haben allen Grund, vorsichtig zu sein, wenn jemand dialektisch daherkommt.

Dialektiker sind Sie geblieben, aber ging mit Ihrer Abkehr vom Kommunismus nicht der Rabauke verloren, der Bürgerschreck, der Sie mal waren?

Wolf Biermann: Ich war nie ein „Bürgerschreck“. Meine Verse kamen aus der ganzen Kühnheit und dem Hochmut des rechtmäßigen Erben. Meine Eltern waren kommunistische Widerstandskämpfer, ich übte die immanente Kritik. Ich kritisierte die Herrschenden auf Augenhöhe. Die Kinder der Nazis trauten sich nicht gegen die Bonzen der DDR solche Töne zu spucken. Sie schämten sich für ihre Eltern.

Ein Volker Braun oder ein Heiner Müller waren nicht dümmer als ich. Sie sahen dasselbe wie ich. Wir lagen sehr nahe beieinander, in dem, was wir rausgekriegt haben und in dem, was wir hofften und wollten.

Sie sagen in Ihrer Autobiografie, dass Ihnen einige Gedichte peinlich sind. Wann ist ein Gedicht gut?

Wolf Biermann: Nehmen wir einmal „Du lass dich nicht verhärten in dieser harten Zeit “. „Die Ermutigung“ war das Lieblingslied der Häftlinge in den Gefängnissen der DDR. Viele, die es sich in die Seele sangen, um sich zu trösten, wussten gar nicht, dass ich es geschrieben habe. Das ist ja nicht das Schlechteste, was mit einem Lied passieren kann. Es fliegt wie ein Vöglein durch die Gitterstäbe und zwitschert.

Sie versuchen selbst, sich Ihr Talent zu erklären. Schlüsselmoment war die Bombennacht in Hamburg auf den 28. Juli 1943. Ihre Lebensuhr sei „stehen geblieben im Feuergebläse dieser einen Nacht“. Und sie sagen über sich als 80-Jähriger, sie seien ein „grau gewordenes Kind, das immer noch staunt“. Andere verhärten nach traumatischen Erfahrungen. Warum Sie nicht?

Wolf Biermann: Das ist auch wieder Dialektik. Es gibt die Redensart „Gebranntes Kind scheut das Feuer.“ Aber das gibt’s auch entgegengesetzt. In der „Ballade über die Elbe bei Hamburg“, in der ich diese Bombennacht beschreibe, steht „Durch allen Wandel bin und bleib ich auch mit weißem Bart / Gebranntes Kind, das neugierselig nach dem Feuer sucht“. Ich habe immer zwei Augen gehabt, ein Auge ist sechseinhalb, so alt war ich in der Hamburger Bombennacht. Das andere ist 120. Das sagen die Juden immer: „120 sollste werden“. Wenn mir das einer sagt, kriege ich immer einen Schreck. Im Grunde ist das ja eine Drohung, 120 zu werden. Bloß nicht!

Wollen Sie denn keine „eckigen Runden“ mehr drehen?

Wolf Biermann: Doch, mach ich ja – noch funktioniert ja alles einigermaßen. Und übrigens unter dem Titel „. . . paar eckige Runden drehn!“ kam jetzt eine CD heraus, meine Frau Pamela und ich interpretieren meine Lieder mit den Freejazzern vom ZentralQuartett.

Haben Sie manchmal Angst, mit der Zeit nicht mitzukommen? Es gibt immer neue angstbesetzte Themen, Digitalisierung, Einwanderung . . .

Wolf Biermann: Ich habe nicht die Spur von Angst, irgendwo nicht hinterher zu kommen. Ich bin der erste Dichter in ganz Deutschland, der systematisch und von Anfang an, seit 1986 mit dem Computer geschrieben hat, ich schreibe mit dem Computer wie mit einem Bleistift. Und einige meiner Kinder sind große Computerfreaks. Meine 15-jährige Tochter weiß alles und ich weiß genug, um damit souverän umzugehen.

Werden Sie, je näher Sie dem Tod kommen, Gott suchen und finden?

Wolf Biermann: Das ist eine Schablone in Ihrem Gehirn, die sich nicht einmal in meinem Hintern findet. Ich brauch’ keinen Gott, keinen jüdischen und keinen sonstigen. Das hab’ ich nicht nötig. Ich komme ganz gut ohne Gott durch die Welt. Ich bin der Wolf und nicht das Schaf. Mein Glaube ist noch verrückter: Ich glaube an den Menschen.

Interview: Karim Saab

OZ

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