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„Mein Leben war ein großes Abenteuer“

Hamburg „Mein Leben war ein großes Abenteuer“

Kapitän Jürgen Schwandt erzählt in „Sturmwarnung“ von den Lektionen der See

Hamburg. Der schlimmste Sturm seines Lebens hat eine Marke gesetzt: 43 Grad. Darauf steht der Zeiger des Clinometers an der Wand im Esszimmers von Kapitän Jürgen Schwandt. Der Clinometer (Neigungsmesser) zeigt die Schieflage eines Schiffes auf See – und es erinnert den Hamburger Kapitän an einen der ersten und schwersten Stürme seines Lebens als Seemann. 43 Grad. Mehr Schieflage geht kaum, danach kommt Kentern.

43 Grad zeigt das Instrument, als ein Orkan die „Franziska Sartori“ im Dezember 1955 auf dem Nordatlantik in die Mangel nimmt. Mit 19 Jahren hat Schwandt ein halbes Jahr zuvor auf dem Frachter der Hamburg-Chicago-Linie angemustert, um auf große Fahrt zu gehen. Nun aber scheint die Reise seines Lebens zu Ende zu gehen. Ein gewaltiger Brecher hat die Kommandobrücke zerschlagen, Verschalungen von Decken und Wänden gerissen, die Funkbude zerstört und die Rettungsboote zertrümmert. Das Schiff treibt manövrierunfähig auf dem tosenden Meer. Jeder Brecher kann der letzte sein.

„Es war wie in einer Riesen-Waschtrommel, alles zerdeppert, das Wasser kniehoch in den Gängen, und wir konnten nichts mehr machen, gar nichts. Ich hatte schon abgeschlossen mit meinem Leben.“ Der Orkan tobt die gesamte Nacht hindurch, am frühen Morgen lässt er nach. Alle leben noch; ein holländischer Frachter und ein kanadischer Fischtrawler hingegen sind in dem Orkan spurlos verschwunden. Im sicheren Hafen von Lissabon feiert die Mannschaft ihr Überleben mit einer orgiastischen Party im Freudenhaus.

Es war der schlimmste, aber nicht der letzte Sturm für Jürgen Schwandt, dessen Lebensgeschichte nicht ohne Grund den Titel „Sturmwarnung“ trägt. Es ist, wie es im Klappentext heißt, „eine Anleitung, wie man inmitten der größten Krise Mensch bleibt“. „24 Stunden am Tag auf engstem Raum in einer reinen Männergesellschaft, das lehrt einen Kameradschaft und Toleranz gegenüber den Schwächen der anderen“, sagt Jürgen Schwandt. Mit seinen Kolumnen in der „Mopo“, der Hamburger Morgenpost, ist der Kapitän und Kosmopolit über Hamburg hinaus bekannt geworden; denn Schwandt nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er Weltoffenheit und Toleranz gegenüber Flüchtlingen einfordert oder gegen die rechtsnationalen Ideen der AfD und gegen Pegida-Aufmärsche Position bezieht.

Jürgen Schwandt ist unter der Herrschaft der Nationalsozialisten aufgewachsen. Sein Vater war überzeugter Nazi. Als der Heranwachsende begreift, welcher Verbrechen sich die Deutschen und die Generation seiner Eltern schuldig gemacht haben, treibt ihn nicht nur das Fernweh zur See. „Ich habe mir geschworen, mit allem, was ich habe, dagegen einzutreten, dass sich dieser Teil unserer Geschichte wiederholt“, schreibt Schwandt im Vorwort zu „Sturmwarnung“.

Das Leben hat Kapitän Schwandt Haltung gelehrt, und die zeigt er auch, die Krawatte mit goldenem Anker korrekt gebunden unterm gestärkten Kragen. Zu Hause in der schleswig-holsteinischen Peripherie Hamburgs ist der Kaffeetisch für den Besuch gedeckt. Seine Ehefrau Gerlinde, für die er vor 45 Jahren die Seefahrt aufgegeben hat und zum Hamburger Wasserzolldienst ging, hat Kekse hingestellt. Das Zimmer gleicht einer Kapitänskajüte – und ist nach einer guten Stunde in blauen Dunst getaucht. Kaffee und Zigaretten seien nun mal lebensnotwendig für einen Seemann. Der Kaffee gegen die Müdigkeit nach langen Schichten, die Zigaretten für kleine Auszeiten von der harten Arbeit.

Er hat die kleinen Laster aus seinem Leben auf See mit an Land genommen, aber zurück aufs Meer zieht es ihn noch immer. „Die See ist eine Landschaft, die sich ständig verändert, mal grün, mal grau, mal schäumt sie, mal tost sie, und manchmal – nach einem Sturm – hat sie eine ganz lange Dünung, das ist wie eine Kinderwiege. Ein Seemann muss die See lieben!“ Auch wenn sie das Leben manchmal auf 43 Grad kippt.

Regine Ley

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