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„Meine größte Rolle ist Kleists Prinz von Homburg“

„Meine größte Rolle ist Kleists Prinz von Homburg“

Samuel Koch ist seit seinem Unfall vor sechs Jahren bei „Wetten, dass..?“ querschnittsgelähmt. Heute spielt er mehrere Rollen an verschiedenen Theatern, schreibt Bücher und unterstützt die Stiftung „wings for life“.

D er Schauspieler Samuel Koch, der seit einem Stunt bei „Wetten, dass..?“ querschnittsgelähmt ist, spielt zurzeit gemeinsam mit Robert Lang in „Ein Bericht für eine Akademie“ von Franz Kafka. Seit dem Ende seiner Schauspielausbildung an der Hochschule für Musik und Theater gehört Koch zum Ensemble des Staatstheaters Darmstadt. Mit dem Kafka-Stück gastieren Koch und Lang an den Theatern in Darmstadt, Bonn und Hannover.

Herr Koch, zwei Bücher haben Sie geschrieben. Das zweite heißt „Rolle vorwärts“. Da muss man sofort an Ihren Unfall bei „Wetten, dass..?“ vor sechs Jahren denken. Ist das nicht ein makabrer Titel?

Samuel Koch: Mag sein. Ich kam relativ früh auf den Titel. Denn die Rolle vorwärts macht einen großen Teil meines Lebens aus. Ich habe unzählige Saltos geschlagen. Theaterrollen sind ein großer Teil meines Lebens. Und eine Rolle vorwärts hat mir gleich viermal das Genick gebrochen. Auf der anderen Seite ist der Titel auch als Imperativ zu verstehen: Ich rolle vorwärts mit meinem Rollstuhl und nicht rückwärts.

Mit Robert Lang spielen Sie zurzeit „Ein Bericht für eine Akademie“ von Kafka. Sie haben das Stück schon zum Abschluss Ihres Studiums entwickelt. War das Ihre Abschlussarbeit?

Koch: Ja, es war Teil meiner Diplomprüfung an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover. Wir haben es seitdem schon an vielen Theatern in Deutschland und auch in der Schweiz gezeigt.

Robert Lang und Sie stecken in einer Art Doppelanzug. Er bewegt sich für Sie mit.

Es ist kein Anzug, wir sind schlicht mit Isolierband aneinandergebunden. Damals reichten unsere Mittel für nichts anderes; jetzt haben wir es so gelassen, weil uns das Archaische gefällt.

Kafkas Geschichte als Theaterstück ist nicht ganz einfach. Manche Schauspieler benutzen es nur, um Virtuosität zu demonstrieren und zu zeigen, wie gut sie einen Affen imitieren können. Damit wird man Kafka nicht gerecht. Wie gehen Sie damit um?

Wir würden uns nicht auf die Bühne trauen, wenn wir nicht der Meinung wären, eine gute Lösung gefunden zu haben. Es geht nicht nur um die Körperlichkeit des Affens, sondern auch ums Sprechtheater. Da ist unser Anspruch recht hoch.

In Kafkas Geschichte wächst jemand in eine andere Welt hinein. Hat das auch etwas mit Ihnen und Ihrem Schicksal zu tun?

Der aufmerksame Betrachter kann da Parallelen entdecken. In dem Text geht es auch um Freiheit und Abhängigkeit.

In Kafkas Text spielt Disziplin eine wichtige Rolle. Der Affe Rotpeter, der berichtet, musste hart gegen sich selbst sein, um das Ziel der Menschwerdung zu erreichen. Eine Parallele?

Disziplin war immer ein großes Thema für mich. Ich habe schon mit fünf Jahren beim Training gelernt, an der Linie stramm anzutreten. Als Kunstturner war ich Leid, Schmerz und Disziplin gewohnt. Als ich zur Bundeswehr gegangen bin, war ich überrascht, was das für ein lascher Haufen ist. Das war nichts im Vergleich zum Turntraining. Ich denke, dass es mir noch viel hilft, dass ich so ein Schweinehundüberwindungstemperament habe.

Seit September 2014 sind Sie Ensemblemitglied am Staatstheater Darmstadt. Sie sind dort in Schillers „Räubern“ zu sehen, spielen Goethes „Faust“ und machen in einem Projekt über Verbindungsstudenten mit.

Und ich spiele Kleists „Prinzen von Hamburg“. Das ist meine größte Rolle. In meinem zweiten Jahr wurde ich von der Zeitschrift „Theater heute“ als bester Nachwuchsdarsteller nominiert. Das war für mich ein großer Erfolg, weil es mir zeigte, dass ich als Schauspieler ernst genommen werde – und mehr bin als nur ein Vorführobjekt.

Auffällig ist, dass keine Komödie dabei ist. Können Sie keine Komödie?

In Hannover habe ich in Tschechows „Drei Schwestern“ mitgespielt. Das ist zwar eine Tragikomödie, aber ich habe die Leute zum Lachen gebracht. Und das hat mir sehr viel Spaß gemacht.

Man könnte vermuten, dass Komödie für Sie schwierig ist, weil ja immer der Schrecken Ihres Unfalls mitschwingt.

Könnte sein, dass es schwieriger ist, Leute zum Lachen zu bringen, aber es ist nicht unmöglich. Auch in meiner Rolle bei Schillers „Räubern“ habe ich die Lacher auf meiner Seite. Wahrscheinlich fällt es den Leuten schwerer, über einen Menschen im Rollstuhl zu lachen. Daher gelingt es mir eher die Leute zum Nachdenken anzuregen – oder auch zum Weinen.

Gibt es eine Rolle, die Sie unbedingt spielen wollen?

Zu meinem Schauspieldirektor in Darmstadt habe ich gesagt: „Überrasch mich!“ Das hat er bisher immer gemacht. Aktuell arbeite ich an der „Orestie“ des Aischylos. Im Frühjahr ist „Ruf der Wildnis“

dran, da werde ich eingefroren in einem Eisblock zu sehen sein. Dann ist ein Kinofilm geplant.

Sie sind Schauspieler und Buchautor. Was ist wichtiger?

Diese Buchgeschichte gründet ja darauf, dass ich so ein Holzkopf war und vor laufenden Kameras gegen ein Auto gerannt bin. Ich hatte nie vor, ein Buch zu schreiben. Nach dem Unfall habe ich mich dazu hinreißen lassen – und es hat mir Spaß gemacht. Aber das, was ich studiert habe, ist Schauspiel. Das ist und bleibt meine Kernkompetenz. Wichtig ist, dass ich mich nicht durch so einen dämlichen Unfall definiere. Die Bücher helfen mir dabei, Gutes zu tun und anderen zu helfen.

Sie unterstützen die Deutsche Stiftung Querschnittslähmung sowie die Rückenmarksforschung „wings for life“. Wird der Fortschritt die Situation von Querschnittsgelähmten in absehbarer Zukunft verbessern?

Die Rückenmarksforschung ist im Verhältnis zu anderen Bereichen medizinischer Forschung relativ jung. Es passiert einiges. Auch in den sechs Jahren meiner Versehrtheit gab es viele medizinische Fortschritte. Man könnte behaupten, dass ich besser dran wäre, wenn mir der Unfall heute passiert wäre. Man hat Mittel und Wege gefunden, die Wahrscheinlichkeit einer Lähmung nach einem Unfall zu reduzieren. Man ist in der Lage, die Bildung von Narbengewebe im Rückenmark zu verhindern. Das ist wichtig, weil das Narbengewebe daran schuld ist, dass die Nerven nicht mehr zusammenwachsen. Ich denke, da ist noch einiges möglich. Deshalb unterstütze ich die Stiftung. Ich halte mich bereit für alles, was kommen mag. Aber ich will mich nicht verkrampfen und auf zukünftige Entwicklungen hoffen. Es kommt darauf an, in der Gegenwart zu leben.

Interview: Ronald Meyer-Arlt

OZ

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