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Melancholie mit ganz viel Trompete

Rostock Melancholie mit ganz viel Trompete

Element of Crime, die Großmeister und Großväter vertonter Lyrik, begeisterten in Rostock 1500 Moya-Besucher

Rostock. Bonsoir Tristesse! Moin Melancholie! Na, du alter Lebensdepri! Im ausverkauften Rostocker Moya präsentierten Montagabend vor 1500 Gästen die Großmeister, wenn nicht Großväter der musizierten Lebenskrise ihre vertonte Lyrik. Mit Sven Regener (55) und ganz, ganz viel Trompete.

Vorweg, als poetischer Gegenentwurf und jugendlicher Appetizer durfte Von Wegen Lisbeth ran (Am 16. September wieder in Rostock, in Helgas Stadtpalast) und wurde mit kräftigem Applaus belohnt.

Frech, frisch, rasant präsentierten die fünf jungen Berliner, die im AnnenMayKantereit-Loop unterwegs und seit Anfang April mit der Altherrencombo um Regener auf Deutschlandtour sind, ihre Botschaften: „Lina, ich will dein Sushi gar nicht sehen. Warum ist dein Leben so prima und du immer so wunder-wunderschön?“ Im Moya gaben sie unverblümt zu, dass sie sonst nicht vor so vielen Leuten spielen: „Und dann sind die auch deutlich jünger.“

Damit ist eigentlich alles gesagt. Im Moya war Ü40- bis -50-Party mit Livemucke. Bei Element of Crime ist der Himmel traditionell grau, wenn die große Liebe auftaucht. Die Sonne so erdbeerrot wie das Marmeladenbrot, das ein Junge für die Schule geschmiert bekommt. Das ist gehaltvolles Geschmuse im Dreivierteltakt mit äußerst schönem Bläsersatz. Oder, wie ein musikgebildeter Rostocker meint: „Die depressive Version von Keimzeit.“ Aber nein, das ist eher ein ostalgischer Reflex.

In Wahrheit ist da auch sehr viel norddeutsche Tiefebenenmelancholie unterwegs zwischen Spargelköniginnen, Schützenfesten und Boßelnachmittagen mit Grünkohlnachschlag von Wildeshausen bis Winsen an der Luhe. Die Lyrik von Element of Crime funktioniert nach dem Nordduisburger Lebensmotto „Was soll‘s?! Woanders is auch Scheiße!“ Element of Crime ist die Basis im gleichschenkligen Literatur-Film-Musik-Dreieck mit Heinz Strunk („Fleisch ist mein Gemüse“) und Detlev Buck („Karniggels“). Die nordostdeutsche Antwort auf Stefan Stoppok.

Texte voller traurig-schöner Gelassenheit, wie: „Ganz egal, woran ich gerade denke. Am Ende denk‘ ich immer nur an dich!“ Gern auch: „Bei mir geht überhaupt nichts mehr, weil sich alles um dich dreht, seit der Himmel jeden Morgen deine Augenfarbe trägt . . .“ („Damals hinterm Mond“) Und natürlich:„Was ich sagen kann, ist längst gesagt, und was ich tun will, trau ich mich nicht zu tun.

Die eine große Frage bleibt ungefragt, wenn der Wolf schläft, müssen alle Schafe ruhn“. Tja, nütscht ja nix, aufstehn muss man mittags trotz Katers. Mit ihrem Songmix in deutscher Liederbuchtradition aus „Am Morgen danach“, „Immer so weiter“, „Mehr als ihr erlaubt“ vom Album „Weißes Papier“ und auch „Kaffee und Karin“ („Bluebird Tapes“), „Rette mich vor mir selber“ oder „Irgendwas ist immer“

hatten sie das Publikum auf ihrer Seite.

Nicht dass da jemand ausgeflippt wäre. Da wird gelassen mit den Hüften geschunkelt, die Liebste kumpelig gedrückt und am Bierbecher genippt. Ganz Verwegene heben sogar mal einen Arm in die Luft. Sven Regener, vielen Gästen eher bekannt durch seine Bücher über Frank Lehmann („Herr Lehmann“, „Neue Vahr Süd“) und seine Truppe, das ist musikalisch so ausgeflippt wie Thomas Schaaf auf der Trainerbank.

Nur mit Witz.

Highlight war gewiss „Ein Hotdog im Hafen“, das Regener Leander Haußmann 2008 für den sensationellen Musik- und Lebensweisheitsfilm „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“ geschrieben hat.

Ein großer Abend, den man sehr gelassen wie auf einer Couch, nur im Stehen, verbracht hat. Denn eigentlich ist das, was die Musiker seit 1985 machen, anspruchsvolle Kiffermusik für to Hus. Aber wer macht so was heut‘ noch: anspruchsvoll sein?!

Von Michael Meyer

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