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Merkwürdig unfertig

Rostock Merkwürdig unfertig

Volkstheater zeigt mit „Atropa“ eine aktualisierte Version des Trojanischen Krieges.

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Szene mit Sonja Dengler (l.) und Sandra-Uma Schmitz.

Quelle: Dorit Gätjen

Rostock. Der Belgier Tom Lanoye (54) ist ein bekannter und durchaus renommierter Autor. Doch sein Stück „Atropa — Die Rache des Friedens“ aus dem Jahre 2008 wirkte am Wochenende bei seiner Premiere am Volkstheater Rostock in einer Inszenierung von Alexander Flache merkwürdig unfertig, um nicht zu sagen: unbewältigt. Recht gleichförmig in Tonfall und in szenischen Mitteln, optisch zu wenig grell, dafür oft platt deklamierend geht eine Geschichte über die Bühne, aus der gewiss viel mehr herauszuholen wäre.

Die Geschichte des Trojanischen Krieges ist auf fast 100 Minuten ohne Pause verknappt, von Aischylos und Euripides kennen wir mit Iphigenie, den Troerinnen nach dem Krieg und ein paar Takten Orestie die Höhepunkte. In diese Verknappung hinein sind zusätzlich viele Argumentationen gegenwärtiger Kriegsherren montiert, Rechtfertigungen bzw. Aufrufe für die Präventivkriege unserer freien Welt im Namen von Demokratie, Freiheit und westlicher Kultur (gemäß Huntingtons Schrift „Kampf der Kulturen“). Mit diesen allseits bekannten Propagandafloskeln redet sich Agamemnon am Anfang in Fahrt, als er seine Tochter Iphigenie für das Gelingen des Krieges opfert. Und am Ende macht er sich mit dieser Rhetorik daran, uns weiter in kriegerischer Laune zu halten.

Doch es sind keine Anspielungen, sondern überdeutliche, brachiale Winke mit dicken Zaunpfählen; sie betonen von Anfang an, dass Bushs Kriegspolitik gemeint ist. Ginge es nur darum, es wäre zu platt.

Doch das Pendeln zwischen dem antiken Mythos und der Gegenwart führt zu heftigem gedanklichen Klappern. Aus diesen Brüchen erfahren wir einiges über die Banalität des heutigen Kriegers: Björn-Ole Bluncks Agamemnon ist ein eher schwächlicher Typ, der sich gern auf selbst erzeugte Zwänge beruft, um sein verheerendes Handeln als alternativlos hinzustellen. Sogar sein Zynismus ist nicht mehr psychologisch, sondern strukturell verankert: in einer Welt, die — als das größte Ungeheuer — optimale Strukturen für Verantwortungsflucht erzeugte und sich darin selbst zerstört.

Beeindruckend im Spiel die Klytämnestra von Sandra-Uma Schmitz, eine völlige Umdeutung der Figur: Ihre als Rachefeldzug überlieferten Tötungen werden hier zu Akten solidarischer Nächstenliebe.

Ausgerechnet ihren Hauptfeind, den Ehegatten Agamemnon, lässt sie in dieser Version am Leben. Es waren eben andere Zeiten als heute.

Termine: 26. April, 4., 9., 11. Mai, Rostock, Theater im Stadthafen.

Dietrich Pätzold

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