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00:00 07.12.2017

Das war ja mal eine amüsante Lesung! Jochen Schmidt las am Dienstag im Literaturhaus Rostock, er hatte seinen aktuellen Roman „Zuckersand“ im Gepäck.

Und der ist in weiten Teilen ein Roman über eine Kindheit. Eigentlich eine Vater-Sohn-Geschichte. Denn Hauptheld Richard sieht seinen Sohn Karl aufwachsen und fühlt sich dabei zurückversetzt in die eigene Kindheit. Erinnerungen kommen hoch, das Miterleben der täglichen Entdeckungen eines Zweijährigen wird für den Helden eine Reise in die Vergangenheit. In diesem Fall also Kindheit und Jugend in der DDR. Das Buch ist voller Anspielungen auf die DDR-Wirklichkeit, die Jochen Schmidt mit scharfem Blick und mit viel Fabulierkunst darstellt. Und die Dialoge zwischen Richard und seiner Ehefrau Klara haben geradezu Loriot’sche Qualitäten.

Das Überthema dieses Buches ist das Verschwinden des Vertrauten. „Noch während wir leben, werden die Kulissen unseres Lebens abgebaut“, sagt Jochen Schmidt über die Veränderungen, die unser Alltag immer wieder bereithält. Das erklärt sich auch über die Biografie des Autors. Jochen Schmidt wurde 1970 im DDR-Teil Berlins geboren und hat dort Kindheit und Jugend verbracht. Längst hat Jochen Schmidt als Literat seine DDR-Prägung als Lebensthema erkannt, obwohl er „Zuckersand“ nicht als OstBuch verstanden wissen will.

Denn da ist auch die Welt von heute. Also jene Wirklichkeit, die der zweijährige Karl entdeckt. So übernimmt der Vater die Perspektive des Kindes und betrachtet unsere Wirklichkeit mit einer naiven Neugier, auch mit Kopfschütteln. So wird das Heute einer humorvollen Betrachtung unterzogen.

Die Lesung im Literaturhaus Rostock bekam aber noch einen großen Mehrwert. Denn das Fabulieren von Jochen Schmidt geht weit über das Gelesene hinaus. Wie war das noch mit der Seife, in die ein Kronkorken gedrückt wurde, damit sie am Magnethalter über dem Waschbecken befestigt werden konnte? Genau. Der Autor verliert sich gern in solch detaillierten und ausführlichen Betrachtungen über unsere Gegenstandswelt, so dass er sich nach so einem Exkurs selbst wieder einfangen muss.

Jochen Schmidt ist ein bekennender Nostalgiker, aber nicht nur. Im Roman ist es ein Vater, der über seinen Nachgeborenen in die eigene Kindheit eintaucht und in diesem Zuge in seiner zunehmend musealen Wohnung die Objekte seiner Kindheit aufbewahren will. Es ist seine Art, gegen das Verschwinden des Vertrauten anzugehen.

Die Literatour Nord 2017/18 wird drei Autoren nach Rostock bringen. Bis Ende Januar folgen Mariana Leky, Lukas Bärfuss und Jonas Lüscher.

Thorsten Czarkowski

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