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Kultur Mit dem Clown kamen die Tränen
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01:18 30.09.2017

Stephen King gehört zu den am meisten unterschätzten Autoren der USA. Das liegt auch an den zumeist schlechten Verfilmungen seiner Romane und Erzählungen.

Der neue Versuch, den Roman „Es“ ins Kino zu bringen, ist gelungen. Und er rückt die Roman-Vorlage wieder in den Blick.

Als „It“ in den USA erschien, regierte Ronald Reagan das Land. Ein ehemaliger – mittelmäßiger – Schauspieler, der seine Rolle als Präsident recht ordentlich spielte. Amerika wurde in der Ära Reagan konservativer, Veränderungen grundlegender Art wie der Ausbruch der Aids-Epidemie wirkten sich jedoch negativ auf die Gemütslage der Nation aus. Die Zeit erinnerte an die bleiernen Jahre der Herrschaft von Dwight D. Eisenhower, leicht gelähmt, aber selbstzufrieden und vor allem alles andere als selbstkritisch. In den Eisenhower-Jahren spielen die Ereignisse, die die Protagonisten von Kings Roman in ihrer Kindheit erleben. Es ist eine typische 50er-Jahre-Welt in einer typischen Kleinstadt, die King so treffend beschreibt – es ist die Welt, in der er selbst aufgewachsen ist. King schildert diese Welt mit großer Detailgenauigkeit. Damals bekam man eine komplette Mahlzeit für einen Dollar, die Unterdrückung der Farbigen wurde in den USA ebenso als gottgegeben hingenommen wie die Pflicht, regelmäßig zum Gottesdienst zu gehen.

Auf den ersten Blick ist es also eine heile Welt, in der sich die sieben Kinder zusammenfinden, um den Kampf gegen ihre sehr realen Peiniger und gegen die Verkörperung des Bösen aufzunehmen. Im Film, dessen am Donnerstag angelaufener erster Teil sich auf die Erlebnisse der Kinder beschränkt, hat Regisseur Andrés Muschietti die Geschehnisse in die Reagan-Zeit verlegt. Andere Musik, andere Optik – anderer Zeitgeist als im Roman? Keine Spur. Der Rassismus ist lebendig wie 30 Jahre vorher, Bigotterie und Heuchelei ebenso. In der fiktiven Kleinstadt Derry ist alles so, wie es schon immer war, mit Rowdies auf dem Schulhof, mit Vätern, die ihre Töchter missbrauchen und mit saufenden Polizisten. Nur nimmt niemand Notiz davon in Smalltown USA.

Was Stephen King in kunstvollen Konstruktionen erzählt, ist neben einer Analyse der US-Gesellschaft aber auch eine ganz wunderbare Geschichte über das Erwachsenwerden. King erzählt sie in zwei Schritten: Die Kinder machen ihren wichtigsten Schritt voran im Kampf gegen das unersättliche Monster, als Erwachsene gelingt es ihnen, „Es“ zu töten und sich so von den Dämonen ihrer Kindheit zu lösen. Was im Buch schon fast ausufernd geschildert wird, musste im Film verkürzt werden, sonst hätte der erste Teil nicht nur gut zwei, sondern mindestens sechs Stunden gedauert. Diese Verkürzung ist außerordentlich gut gelungen, ohne den Protagonisten ihre Charaktere zu nehmen. Sie sind Außenseiter, und der Zuschauer erkennt sehr schnell, warum sie es sind. Und ebenso kurz, aber treffend wird in leicht fahl gefärbten Bildern geschildert, warum es ausgerechnet diese Kinder sind, die erkennen, dass in der kleinen Stadt Derry das Prinzip des Bösen in der Kanalisation lebt und alle 27 Jahr schlimme Ereignisse bewirkt. Da wurde einst ein Club für farbige Soldaten in Brand gesteckt, woran sich aber niemand mehr erinnert. Eine Räuberbande wurde von braven Bürgern in Fetzen geschossen – niemand weiß mehr davon. Ein Holzfäller erschlägt mit seiner Axt in einer Kneipe Kollegen, die Anwesenden trinken in Ruhe ihr Bier weiter – keine Spur von Erinnerung. Und alle 27 Jahre verschwinden Kinder, alle 27 Jahre taucht auch ein Clown auf, der alles andere als lustig anzuschauen ist. Die sieben kindlichen Außenseiter, die sich selbst den „Club der Verlierer“ nennen, erkennen die Zusammenhänge und nehmen den Kampf auf.

Das ist ein uralter literarischer Topos, der Kampf von David gegen Goliath. Aber es gelingt ihnen, gegen alle Gefahren und Ängste zu gehen und schließlich „Es“ so schwer zu verletzen, dass es seine Kampagne beendet. Das wird im Roman wie im Film ausführlich gezeigt, und das bietet sich an. „Es“ ist in der Lage, jeden seiner Gegner mit dessen größten Ängsten zu konfrontieren, hier kann die Horror-Fantasie schwelgen, die Maskenbildner haben reichlich zu tun. Wobei die Neuverfilmung von „Es“ alles andere als ein Splatter-Film ist. Der Film ist weniger blutig als das Buch, die Szenen, für die man einen starken Magen braucht, sind dramaturgisch notwendig.

Gemeinsam kann man das Böse stoppen, das ist die Botschaft von Buch und Film. Der zweite Teil der Verfilmung wird wohl in der Trump-Ära spielen. Einer Zeit, in der Vulgarität und Lüge zum Mittel der Politik geworden sind und in der Rassismus schon fast wieder salonfähig ist. Das Böse ist eben immer und überall.

Jürgen Feldhoff

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