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Kultur Mit der Sprache der Farbe
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00:00 10.02.2018
Greifswald

Es ist ein Gewimmel von säulenartigen Figuren, die umeinander herumwirbeln. Dunkelblau und verschattet, hellblau und hellbraun leuchtend, oder auch giftgrün.

Der Hintergrund verschwommen wie eine vorbeirauschende Landschaft beim unkonzentrierten Blick aus dem Zugfenster. Nur in der Mitte herrscht Ruhe: Dort ragt eine leuchtend rote Farbsäule auf, ein Blickfang und Lichtspender, Orientierung für all die anderen Figuren ringsherum.

„Schutzmantel“ heißt dieses großformatige Bild des in Friedrichshagen bei Grevesmühlen lebenden Malers Matthias Kanter. Derzeit hängt es in der Galerie Schwarz in Greifswald, gleich gegenüber vom Eingang, es ist der Blickfang der Ausstellung. „Wenn ich hereinkomme, kann ich gleich viel freier atmen“, sagt Galerist Hubert Schwarz. Er sieht die Ursache für die physisch spürbare Erleichterung in genau diesem Bild, besser gesagt in seiner Farbkomposition. Denn Farben sind das große Thema von Matthias Kanter (geboren 1968), und das ist auch in dieser Ausstellung mit teils soeben entstandenen Werken zu erleben.

Der „Schutzmantel“ hat ein prominentes Vorbild: Kanter nahm ein Gemälde des Renaissance-Malers Piero Della Francesca (1420-1492) als Vorlage und übersetzte gleichsam das Farbspektakel des Originals in ein eigenes Gemälde. Das Original ist ein vielteiliges Altargemälde, das zwischen 1460 und 1462 entstand, Kanter wählte die zentrale Darstellung: Die Jungfrau Maria breitet die Arme aus, umgeben ist sie von mehreren Personen, die sie anbeten. Maria ist zu monumentaler Größe angewachsen, aber nicht nur dadurch spendet sie Trost und Schutz. Aus Sicht von Matthias Kanter ist es vor allem ihr leuchtend rotes Gewand, das die Zuversicht des Glaubens wie Licht ausstrahlt. Daher reduzierte er die Jungfrau und alle sie umgebenden Figuren zu leuchtenden oder eben verschatteten, plastischen Farbbahnen.

Dieses Prinzip, an dem Kanter sich schon seit einer Weile abarbeitet, findet sich in etlichen anderen Bildern der Schau. Ein großformatiges Werk erinnert an Jean Baptiste Oudry (1686-1755), dessen große Darstellung eines Rhinozeros eines der bekanntesten Bilder der Staatlichen Museen Schwerin ist. Ein weiteres Bild bezieht sich auf Rembrandt van Rijn (1606-1626). Nirgends sind bei Kanter realistisch ausgearbeitete Figuren zu sehen, stattdessen die räumlichen Farbsäulen. Es geht um die Konstellationen von Farben und Farbwerten und darum, wie sie sich gegenseitig aufladen – oder in den Schatten stellen. Oft wirken diese Farbfiguren wie Ausschnitte aus Kleidungsstücken, wie Vorhänge oder Röcke mit dunklen Falten, die die Flächen strukturieren. Kanter erinnert daran, dass ein Großteil der Malereigeschichte auch die Geschichte der Darstellung von Textilien bedeutet.

Matthias Kanter ist auf der Suche nach einer Sprache der Farbe. Oft streift er dafür durch Museen, sieht die Bilder von Kollegen an, bleibt an einzelnen Arbeiten hängen. „Dann frage ich mich: Warum interessiert mich das?“ Oft sind diese Bilder dann Ausgangspunkt für eigene malerische Auseinandersetzungen, für die Erforschung der Welt der Farbe. „Dabei kopiere ich die Bilder nicht“, sagt Kanter.

Vielmehr übergebe er die gefundene Konstellation dem eigenen Malprozess, der dann immer seinen eigenen Weg nimmt, sofern die vorgefundene Konstellation nicht implodiert – auch das kann passieren, dass ein im ersten Moment faszinierendes Bild sich bei genauer Betrachtung als wenig qualitätsvoll erweist. Auf diese Weise balanciert Kanter den theoretischen Ansatz seiner Bildfindung mit dem emotionalen Malprozess aus.

Dabei entstehen Bilder, die in großer Klarheit und Reduziertheit reines Gefühl darstellen. Müßig, nach den Vorbildern zu fahnden. Vergeblich auch, mit dem Künstler über die Arbeiten zu debattieren.

Kanter redet gern und ausgiebig über seine Arbeiten, über Bilder als „sinnliche Beweisführung“ für das, was dargestellt werden sollte. „Aber am Ende müssen die Bilder das allein schaffen“, sagt Kanter. Ohne Erklärung. Weil es letztlich keine Erklärung für das, was da mit Form und Farbe passiert, gibt. „Unsere Sprache ist viel zu ungenau, um das auszudrücken“, sagt Kanter.

Letztlich fungieren Kanters Farbfiguren als universelle Gefäße, in die die Betrachter ihre Emotionen und Assoziationen fließen lassen können, um dabei mitunter unerwartet heftig berührt zu werden. So wie der Maler Matthias Kanter beim Durchschreiten der Malerei.

Matthias Schümann

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