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Mitgerissen vom Strom der Klänge – Schiller in Rostock

Rostock Mitgerissen vom Strom der Klänge – Schiller in Rostock

Der Elektronikkünstler verzaubert sein Publikum in der Stadthalle, doch einige Fans hatten auf mehr Show gehofft

Rostock. Es war eine Reise im Rhythmus, ein Fluss voll magischer Melodien. Es fühlte sich an wie ein schwebender Musik-Teppich – geknüpft aus sphärischen Sequenzen: Schiller hat seine Fans in Rostock entführt in ganz eigene Klangwelten. Passend, denn „Klangwelten“ heißt ja das Programm, mit dem der Künstler aus dem Norden derzeit durch Europa tourt.

Christopher von Deylen – so lautet Schillers bürgerlicher Name – ist ein Meister seines Fachs. Er gilt als Papst der instrumentellen Elektronik gepaart mit Klassik- und Popelementen. Der 47-Jährige hat zwölf Gold- und fünf Platinplatten hingelegt. Xavier Naidoo und Unheilig haben seine Songs besungen. Er arbeitete mit Depeche Mode, Hélène Grimaud und Mike Oldfield, stürmte mit fünf Alben von 0 auf Platz 1 der deutschen Charts.

Doch nun am Dienstagabend in der Stadthalle stellt der Produzent und Komponist sein Publikum vor eine Herausforderung, vor einen Gewissenskonflikt. Sollen sie schier begeistert sein ob der fließend ineinander übergehenden und perfekt abgestimmten Klänge oder müssen sie sich wundern – wegen der doch sehr reduzierten Show, mit der Schiller diesmal seine Musik begleitet. Fragende Gesichter.

„Ich hätte schon gedacht, dass auf der Bühne mehr kommt“, sagt Torsten Reincke (54) aus Kösterbeck (Landkreis Rostock) in der Pause, die von Deylen und seine Bandkollegen Cliff Hewitt und Martin Roberts nach 60 Minuten einlegen. Es ist bereits das dritte Schiller-Konzert, das der Mecklenburger in Rostock erlebt. „Bei den ersten beiden Auftritten ging mehr ab, mehr Licht und Gesang zu den Stücken“, erinnert er sich. Auch Katja Vullert (34) aus Rostock ist überrascht: „Ich habe Schiller in Hamburg gesehen, da gab’s eine perfekte Lasershow. Und er hat viel mehr erzählt und moderiert“, erinnert sich die junge Frau.

Doch der Künstler will es so schlicht. Die „Klangwelten“ sollen die instrumentale und elektronische Essenz von Schiller sein, ohne Gesang, quasi das Schiller-Konzentrat. Er kann an diesem Abend auch gar nicht anders, wie er später zugibt. Der Klang spielt die Hauptrolle. Der preisgekrönte Surround Sound umhüllt die 700 Zuhörer aus Boxen, die in der gesamten Stadthalle verteilt sind. Die Bühne ist gefüllt mit Synthesizern und elektronischen Instrumenten. Die Künstler erzeugen die Musik komplett live.

Zu seinen Arrangements zeigt Schiller auf einer Leinwand ruhige Bilder: Meerwasser, Wälder, Bürohäuser einer Großstadt. In leisen Momenten sind Regengeräusche und Vogelgezwitscher zu hören. Wenn Schiller seine größten Erfolge in Klangsequenzen einfließen lässt, erscheinen die Titel in Leuchtschrift an der Wand: Das Glockenspiel, Tiefblau, I feel you ...

Zum Titel Berlin – Moskau blendet er die Türme des Kreml ein. Zu „Schwerelos“ sieht man von Deylen animiert an der Wand als Trickfigur, wie er durch weite Landschaften schwebt. Die musikalischen Arrangements treffen von Anfang an den Punkt, doch auch hier wird der Virtuose nach der Pause – in den zweiten 60 Minuten – noch stärker. Der Rhythmus ist eindringlicher, lauter, die Übergänge fließender. Zu einem seiner größten und ältesten Hits „Ruhe“ ist der Höhepunkt erreicht. „Gänsehaut“, beschreibt Andreas Biernetzky (36) aus Rostock, der mit Freundin gekommen ist, seine Gefühle.

Erstmals brandet echter Jubel in der Stadthalle auf – nach zuvor oft zurückhaltendem Applaus. Schiller kann diese Emotionen schüren bis zum Schluss. Vor dem letzten Titel des Abends räumt er ein:

„Wir hätten geselliger sein können. Aber es hat sich nicht ergeben. Wir sind zu sehr von Tasten und Knöpfen vereinnahmt worden. Das ist nicht persönlich gemeint.“ Der Meister wird an diesem Abend selbst gefangen vom Strom der Klänge. Die große Bühnenshow und der „Flirt“ mit dem Publikum bleiben dabei auf der Strecke. Doch die Fans in Rostock erleben eine beeindruckende Fahrt auf dem Klangteppich – und das ist ja auch nicht gerade wenig.

Alexander Loew

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