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Kultur Monumente über das Ich
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00:00 29.09.2018
Großer Maler der Leipziger Schule – Jürgen Schäfer (76) stellt im Kunsthaus Bützow aus. FOTO/REPROS (4): DIETMAR LILIENTHAL
Bützow

Die Räume sind aufgeladen. Jeder Besucher, der in das sonnendurchflutete obere Stockwerk des Kunsthauses Bützow eintritt, ist gefangen von der Größe der Kunst, die hier hängt. Reale Größe und innere Größe. Die Malerei von Jürgen Schäfer hat etwas Monumentales in ihren Thematiken und ihren Techniken. Überwiegend Acryl-Gemälde, einige Landschaften, aber auch die Kohlezeichnung in Porträt und Akt. Die Zeichnungen wirken wie eingestreut, als würde da einer in den großen Themen immer wieder mal gern darauf hindeuten, was die Grundlage der Malerei ist – das Können im einzelnen Strich.

Der Maler Jürgen Schäfer (76), ein Schüler von Hans Mayer-Foreyt und Wolfgang Mattheuer, stellt im Kunsthaus Bützow aus – eine große Schau

Gemälde aber wie „Ich und Ich“ oder „In Bedrängnis“, das Schäfer 1982 für die 9. Kunstausstellung der DDR gemalt hatte, sind eine gewichtige Auseinandersetzung mit dem Ich und dem Über-Ich – der Entwicklung des Menschen. Im Jahr 2018, also ganz frisch, hat Jürgen Schäfer dem 36 Jahre alten Bild ein neues gegenübergestellt. „Prometheus fürchtet sich. 2. Fassung“ im Kunsthaus Bützow ist die Weiterentwicklung desselben Themas vom Individuum im Kreuz, im Quetsch, im Kerker der Geschichte mit seinen antiken Bezügen und den Steinquadern, den Betonkolossen als Metapher für das Über-Ich nach der Versteinerung des Individuums. Die Entwicklung des Ichs in der persönlichen Biographie und den historischen Zeitläufen, denen es – rein zufällig – unterworfen ist. Eine ähnliche Entwicklung findet sich in Bildpaaren wie „Umarmung“ (1989) und „Atlas in Not“ (2018). Der starke Mann, der die Last der Welt auf seinen Schultern trägt, wird der Boden unter den Füßen weggezogen. Atlas ist zwar stark genug, alles zu tragen und zu ertragen, aber sein Fundament, auf dem er steht, bröckelt weg. Eine sehr starke Metapher für die großen gesellschaftlich, globalen Entwicklungen, Krisen und Debatten aktuell.

Hier zeigt sich sehr schön, wie ein großer Maler aus der DDR sich mit den Themen seiner Zeit beschäftigt und entwickelt hat. Allein diese Bildsprachen von Schäfer widerlegen die blödsinnige These eines Georg Baselitz, dass es keine ernstzunehmenden Maler im Sozialismus gegeben habe, da alles Staatskunst gewesen sei. Schäfer stellt sich als Maler in seinem Leben den großen Fragen des 20.

Jahrhunderts: Terror der Gewalt, Terror der Ideologie, Terror des Geldes. Nationalsozialismus, Sozialismus und freie Marktwirtschaft auf dem Boden deutscher Nation. Was Politiker nicht vergleichen sollten oder dürfen, der Künstler muss es dürfen.

Der Maler, der in Leipzig geboren wurde, ist ein Gegner von der Krise des Hässlichen. Schäfer scheint es in der Kunst nicht ertragen zu können, dass das Menschenabbild zerstört wird. Die Antipode zum Destruktivismus. Dieser Maler huldigt die Pracht der Natur ebenso wie die Göttlichkeit der Kreatur. All das setzt er in Verhältnisse zur Masse, den Umgang mit der Macht und die immer wiederkehrenden Krisen gesellschaftlicher Verhältnisse. Und er spielt auch. Zum Beispiel in quietschbunten Landschaften, die wie ein Lächeln über die Epochen der Malerei in der Ausstellung hängen.

Hier zeigt sich die Leipziger Schule in ihren Grundfesten. Jürgen Schäfer hat an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst unter anderem bei Hans Mayer-Foreyt und Harry Blume studiert und war ein Schüler von Wolfgang Mattheuer. Seit Jahren lebt der 76-Jährige in Groß Brütz am Neumühler See bei Schwerin. Als Schäfer 2008 in der Kunsthalle Kühlungsborn ausgestellt wurde, schrieb Galerist Franz N. Kröger: „Die Bilder haben eine einzigartige Strahlkraft, sie sind ehrlich gemacht, von großer handwerklicher Meisterschaft und innerer Überzeugung. Landschaften majestätischer Stille, kämpfende Kolosse, Massenszenen und zarte Zeichnungen stehen im Kontrast zueinander und bilden ein Ganzes.“ Eine treffende Zusammenfassung der Malerei Schäfers von 1968 bis 2008 damals, die man bedenkenlos um zehn Jahre erweitern kann.

Bei Schäfer finden sich in großen Thematiken die Wortpaare Gesang und Ansprache, Natur und Gesellschaft, Individuum und Masse, Figur und Abstraktion. Eine Explosion der Farben trifft auf feine Striche. Karl-Werner Zießnitz, Galerist in Bützow, sagt: „Seine Bilder haben eine Monumentalität, die nicht mit schierer Größe zu verwechseln ist. Sie sind epochal.“

Schäfer hat wie alle Künstler aus der DDR zwei Epochen erlebt, „er hat aber keinen Bruch, sondern eine Entwicklung in seinem Werk“, so Zießnitz. Allein das Naturbild „Weiher in grüner Landschaft“ ist eine starke Position und ironische Auseinandersetzung mit dem deutsch-deutschen Bilderstreit. Die Landschaft fällt in diesem Bild regelrecht vom Figürlichen ins Abstrakte und löst sich zum unteren Bildrand auf. Das ist Humor und eine größere Kunst, als Bilder einfach falsch herum aufzuhängen.

Michael Meyer

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