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Mozarts „Zauberflöte“ als Roadmovie

Hamburg Mozarts „Zauberflöte“ als Roadmovie

Jette Steckel hat Mozarts „Zauberflöte“ an der Staatsoper Hamburg als Nahtod-Stream Taminos inszeniert.

Hamburg. Mozart trifft der Schlag: Sein sonst immer strahlend junger, jetzt gebrechlich alter Prinz Tamino sackt auf allerbestem Parkett-Platz schon während der Ouvertüre zusammen. Sitznachbarin Papagena holt noch die Sanitäter, aber es ist zu spät – die Oper wird zum visualisierten Nahtod-Gedankenstrom. Trotz allen Laserlichts am Ende des Tunnels und etwas selbstironischer Heiterkeit bei der autobiografischen Beichte wird daraus insgesamt eine bewegende, letztlich traurige Geschichte.

Und die passt erstaunlich gut: Im heftigen Schaffensrausch seines letzten Lebensjahres 1791 hatte das verglühende Genie Wolfgang Amadeus der Musikwelt mit dem märchenhaft philosophischen Singspiel „Die Zauberflöte“ eines der schönsten, aber bis heute ungelöst widersprüchlichen Rätsel aufgegeben. Der vielbeachteten, jungen Regisseurin Jette Steckel gelingt eine insgesamt diskussionswürdig zugespitzte Neuinszenierung.

In Taminos verlöschendem Hirn spult sich also sein Lebensfilm ab. Das Findelkind mit der schön lyrischen, allerdings nur bedingt heldisch strahlkräftigen Tenorstimme (Dovlet Nurgeldiyev) wird von Nonnen in die Spur gesetzt. In der Auseinandersetzung mit den Lehren der Weltreligionen, der Freimaurerei und anderen gedanklichen oder realen Hindernissen entwickelt er sich zum Sinnsucher und schwärmerischen Verehrer der viel zu spät erreichbaren Traumfrau Pamina. Die ist, zumal besetzt mit der farbenreich, allerdings in der heiklen Todesarie auch übersteuert expressiv singenden Sopranistin Christina Gansch, ein Ausbund an Liebes- und Leidensfähigkeit.

Eng ist der Bezug zum ewig jung bleibenden, hormongesteuerten Hallodri Papageno, dem der britische Bariton Jonathan McGovern kernig Statur und Stimme gibt. Er ist das Alter Ego oder der gute Freund, dessen Unbekümmertheit Tamino selber gern ausgelebt hätte, um sich rechtzeitig eine Papagena (Maria Chabounia) aus der Masse zu angeln. Steckels Team generiert vor allem mit sieben gestaffelten LED-Prospektgehängen ein glitzernd-gleißendes Milchstraßen-Roadmovie, (über)voll von heutig digitalisierten Zeichen und Effekten.

Im neu interpretierten Kosmos und partiell aufgepeppten Singspiel-Texten (darunter als Kern Mozarts eigene kühne Vater-unser-Verbiegung: „Herr, es gescheh’ dein Wille bei Tag – und meiner in der Nacht ...“) finden der vermeintlich sonnenstrahlende Sarastro und die nächtliche Königin nur als bedrohlich riesige Video-Projektionen statt.

Darin leitet Jean-Christophe Spinosi das junge, mit mehreren Debütanten noch spürbar aufgeregte Ensemble. Die Philharmoniker produzieren unter seinen Händen etliche kundig durchartikulierte und klanglich reizvolle Momente, verharren aber vor allem in der ersten Hälfte, darin oft auch zu statisch. Christian Strehk

OZ

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