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„Musik ist Glückseligkeit“

„Musik ist Glückseligkeit“

Die französische Pianistin Hélène Grimaud und ihr Mann, der deutsche Fotograf Mat Hennek, setzen das Projekt mit ihrer Musik und seinen Waldbildern 2017 fort. Ein Interview

Redefin/Stolpe. Zwei Konzerte gab Hélène Grimaud Ende Juli bei den Festspielen MV – in Redefin und Stolpe. In Redefin fiel kurzfristig das Orchester aus, so dass spontan der Leipziger Cellist Jan Vogler einsprang. Ein denkwürdiges Kammermusikkonzert vor 3000 Gästen. Im OZ-Gespräch äußern sich Hélène Grimaud (46) und ihr Ehemann, der Fotograf Mat Hennek (47), über dieses Spontankonzert, ihr gemeinsames Projekt, das 2017 in der Elbphilharmonie startet, das Leben als Universalkünstler und den Umgang als Künstler mit dem Terror.

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Hélène Grimaud: Nein, wieso?

Sie haben in Redefin ein Kammermusikkonzert vor 3000 Gästen gespielt. Klingt nach Weltrekord.

Grimaud: Stimmt, da habe ich noch gar nicht dran gedacht. Gute Idee.

War es gewagt, dieses Konzert spontan mit Jan Vogler zu spielen?

Mat Hennek: Gewagt ja, Risiko nein. Jedes Konzert kann schiefgehen. Aber es gibt wenig Profis, die das so aus der kalten Hose spielen können wie Jan. Aber es wäre ein Jammer gewesen, die 3000 Leute nach Hause zu schicken.

Grimaud: Jan ist ein guter Freund. Wir haben oft zusammen gearbeitet. Er ist einer der wenigen Menschen, mit denen ich mich einfach hinsetzen und spielen kann.

Jan Vogler war in Paris. Richtig?

Grimaud: Ja, er ist von Paris nach Berlin geflogen, hat sein Cello geholt und ist nach Redefin gekommen. Jan ist cool, extrem sensibel und wir haben Respekt füreinander.

Dass ein Solist mal ausfällt, kommt schon vor, aber ein ganzes Orchester – ungewöhnlich, oder?

Grimaud: Ja, ausgerechnet in Deutschland, wo alles funktioniert.

Aber Sie hatten Zeit gehabt, sich Redefin anzusehen.

Grimaud: Ja, es ist phantastisch, sehr beeindruckend – picobello!

Sie züchten selbst Pferde?

Hennek: Nein, wir züchten nicht. Wir sind Spaßhalter, haben zwei American Quarter Horses und Hunde.

Und Wölfe!

Grimaud: Nein! Die Wölfe gehören zum Wolf Conservation Center.

Stimmt es, dass Sie in New York mal mit einem Wolf in einem Appartement gelebt haben?

Grimaud: Nein, das ist Quatsch. Kurz nach der Geburt sind die Wolfswelpen sowieso drinnen. Und das war nur ein paar Tage in der New Yorker Wohnung mit einem Wolfsbaby.

Hennek: Man muss unterscheiden. Im Wolf Center sind 30 Wölfe, davon vier Botschafter-Wölfe. Wölfe, die fürs Publikum zugänglich sind. Die anderen 26 sind fürs Publikum nicht zugänglich. Die sind nicht wild, aber die sollen so wild wie möglich bleiben, denn sie werden renaturiert. Die Botschafterwölfe sind Wölfe, die man Besuchern zeigt. Die müssen an Menschen gewöhnt sein, sonst verdrücken die sich und sind für Besucher unsichtbar. Also gibt es eine kleine Gruppe von Menschen – wir beide nicht mehr – die sich am Anfang, wenn das Babys sind, um diese Botschafter-Wölfe kümmern.

Stört Sie das, dieses Image: Die schöne Pianistin, die mit den Wölfen tanzt und so weiter?

Grimaud: Manchmal finde ich es ärgerlich. Ich bin mir nicht ganz sicher. Ich denke, wenn die Images die Botschaft transportieren, ist das okay. Wenn ein oder zwei Leute das lesen und sich nicht nur für die dumme Story interessieren, sondern für die Sache, und sich Gedanken machen über Natur, Ökologie oder das Wolf Center, hat es sich gelohnt. Aber es ist, wie es ist.

Hennek: Wer sich für Hélène interessiert, der findet auch wunderbare Dinge. Sie hat tolle Bücher geschrieben. Es gibt Leute, die lesen diese Bücher. Und wer auf die Webside vom Wolf Center geht, sieht, um was es da geht. Leute, die wirklich ein Interesse haben an der Botschaft, finden das auch. Das sind die wichtigen Leute. Und wenn das breite Publikum mit Klischees umgehen will: Warum nicht?!

Sie haben mal gesagt, Musik kann helfen. Wie geht das? Ist Klassik nicht eine Insel der Glückseligkeit?

Grimaud: Musik ist Glückseligkeit – absolut! Aber das ist eine sehr komplizierte Frage. Da ist etwas mit der Kunst, das dich mit dir selbst verbindet, das einen Punkt in dir befördert, der den Respekt vor Schönheit entwickeln hilft. Es macht das Leben heller. Wenn du Brahms hörst oder Bach – überwiegend bei deutschen Komponisten übrigens – findest du deinen Frieden. Es führt dazu, dass du menschlicher empfindest. Ohne Kunst ist es leicht, abgestumpft zu werden.

Ist es das, was mit all dem Terror zur Zeit in dieser Welt passiert?

Grimaud: Das ist auch der Konflikt in mir selbst. In schwierigen Zeiten wie diesen sagst du dir als Künstler: Zuerst müssen die Basics da sein. Gesundheit, Nahrung, Bildung, Frieden, Freiheit, Menschenrechte. All das muss an seinem Ort sein, bevor Musik den Unterschied machen kann. Musik kann Menschen, die diese Basics haben, auf einer anderen Dimension etwas bringen.

Wie geht es Ihnen als empathischer Mensch damit?

Grimaud: Ich schaue mir das nicht im Fernsehen an. Aber ich empfinde mit den Menschen überall auf der Welt. Es ist wichtig, sich zu vergegenwärtigen, was alles passiert.

Hennek: Hélène ist als Musikerin auf der Bühne, ständig auf Flughäfen, öffentlichen Plätzen nicht ungefährdet. Wir haben darüber diskutiert und gesagt, wir gehen dem nicht aus dem Weg. Wir glauben an die Leute, die kommen, an den Spaß, die Verzauberung. Also das, was jeder tun sollte.

Wie geht es Ihnen als Französin damit, was in Ihrem Heimatland geschieht, das am stärksten vom Terror betroffen ist?

Grimaud: Ich mache keinen Unterschied, ob das in Brüssel, Istanbul, Paris oder anderswo geschieht. Für mich ist es nicht schlimmer, weil es in meiner Heimat passiert. Es ist einfach traurig, was geschieht. Es ist pure Verzweiflung, weil niemand eine Lösung sieht.

Hennek: Das Problem ist auch, dass die Hemmschwelle fällt. Zum einen für alle Gewalttäter, nicht nur islamistische Terroristen, zum anderen wird es wohl in eine Hochsicherheitsgesellschaft führen.

Grimaud: Es ist wie eine weltweite Sinnkrise. Furchtbar, diese innere Leere der Menschen. Sehr traurig.

Sie verbinden ihre Musik gern mit Fotografie, Kunst, mit Naturschutzprojekten. Ist das der Weg des zeitgenössischen Künstlers?

Grimaud: Nicht unbedingt. Ich denke, was mich mit dem der deutschen Romantik verbindet, ist diese Idee des Universalismus. Die Berechtigung jeglicher Disziplin. Die Art, wie wir arbeiten, wie wir unsere Kunst kreieren, wie wir die Disziplinen und Künste verbinden ist für mich ein sehr natürlicher Weg. Das gilt nicht für jeden. Das eine ist der Künstler, das andere die Öffentlichkeit. Wir hatten 2010 dieses Projekt mit meiner Musik und den Bildern von Mat in Rostock. In Redefin – es war wundervoll – waren Gäste, die in Rostock dabei waren, sie erkannten uns, und fragten, ob wir das Projekt fortführen. Das war sehr schön.

Das Projekt mit den Waldbildern setzen Sie also fort?

Hennek: Nicht nur Waldbilder. Es wird eine Linie von Waldbildern enthalten sein. Das sind emotionale Bilder. Ich als Fotograf bin derjenige, der dokumentiert. Ich halte fest, was ich sehe, und mein Auftrag ist, das Schöne, so wie ich es wahrnehme, einzufangen. Dazu gehören Wasser und Wälder als sakrale Räume. Wir beginnen im April 2017 in der Elbphilharmonie und touren über Luzern, Paris, Istanbul, Dortmund, München und Dresden.

Interview von Michael Meyer

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