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Musik Auf der Suche nach Harmonie
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00:00 30.11.2017

Ein Glück, dass alles vergeht. Zwei Jahre nachdem die isländische Musikerin Björk mit „Vulnicura“ ein schmerzhaftes Album über die Trennung von ihrem langjährigen Freund veröffentlicht hat, ist mit „Utopia“ die Hoffnung wieder da.

„My healed chest wound/ Transformed into a gate/ Where I receive love from (Meine geheilte Brustwunde/ Hat sich in ein Tor verwandelt/ Aus dem ich Liebe empfange)“ heißt es in Anlehnung an die Wunde, die das Cover von „Vulnicura“ ziert, in der aktuellen Single „The Gate“.

Mit der neuen Zuversicht kommen neue Sounds: Flötenpassagen dominieren weite Strecken des Albums, zusammen mit Harfen, zerfrickelten Beats, Chorälen und Naturaufnahmen von Vögeln oder zirpenden Grillen.

Ein schnell zugängliches Album ist „Utopia“ nicht, doch das ist man vom Avantgarde-Pop der inzwischen 52-Jährigen auch nicht gewohnt. Die Tempi wechseln munter, meistens gibt es nicht eine Melodie, sondern mehrere gleichzeitig. Manchmal weiß man als Hörerin nicht, ob da gerade eine seltene Vogelart singt – oder es schon ein Beat ist.

Viele der Beats gehen auf das Konto des venezolanischen Musikers Arca, der Teile von „Utopia“ koproduziert und -geschrieben hat. Mal sprudeln sie über Björks hellen, leicht aufgerauten Gesang, mal zersägen sie die Harfen- und Flötenminiaturen. Rhythmusarbeit leisten sie dagegen nicht, eher sind sie ein zusätzliches Instrument in Björks leicht überforderndem Sound-Repertoire.

Gerade aus dieser Mischung von organischen Klängen auf der einen und metallischen Beats auf der anderen Seite gewinnt das Album seinen Reiz. Die Kombination von Natur und Technik ist ein Grundmotiv in der Musik von Björk. Dass ihr neues Album mit Kryptowährung bezahlt werden kann, passt zu einer Künstlerin, die in der Vergangenheit stets neue Technologien in ihr Werk integriert hat. Seit Jahrzehnten experimentiert sie mit elektronischen Instrumenten, Software-Tools, Apps oder Virtual Reality.

Mit Hilfe der modernen Technik kann auch neue Liebe entstehen, wie Björk in „Blissing Me“ nachvollzieht: „Is this excess texting a blessing?/ Two music nerds obsessing/.../ Sending each other MP3s/ Falling in love to a song (Ist dieses exzessive Texten ein Segen?/ Zwei obsessive Musiknerds/ Die sich MP3s schicken/ Und sich zu einem Song verlieben)“.

Doch ganz verschwunden ist Björks Wut auf „Utopia“ trotz aller spirituellen Verbundenheit mit dem Kosmos nicht. „Sue Me“ etwa nimmt Bezug auf den Rechtsstreit, den sie mit ihrem Exfreund Matthew Barney über das Sorgerecht der gemeinsamen Tochter hat („Sue me all you want/.../ I won’t let her get cut in half (Verklage mich, solange du willst/ Ich werde sie nicht in zwei Hälften schneiden lassen“.) Die Zeilen von „Tabula Rasa“ erinnern an eine Aussage Björks, die sie vor kurzem auf ihrer Facebook-Seite teilte. Dort erzählte sie von sexuellen Belästigungen, denen sie als Schauspielerin am Set eines dänischen Regisseurs ausgesetzt gewesen sei. Weil sie sich gewehrt habe, habe sie damals am Set als „die Schwierige“ gegolten, schrieb sie. Lars von Trier, der einzige dänische Regisseur, mit dem sie zusammengearbeitet hat, wies die Vorwürfe zurück.

 „Break the chains of the fuck-ups of our fathers/ For us women to rise and not just take it lying down (Zerschlag die Fesseln dessen, was unsere Väter versaut haben/ Damit wir Frauen aufstehen können und nicht nur einstecken, während wir am Boden liegen), singt sie in „Tabula Rasa“.

„Wenn schwierig sein bedeutet, sich dagegen zu wehren, so behandelt zu werden, werde ich es tun“, schrieb Björk auf Facebook. So handelt das Album nicht nur von der neu gefundenen Liebe zum Leben, zu Menschen und dem Universum. „Utopia“ ist auch die Geschichte einer Selbstermächtigung und vertont das Glück, wieder Kontrolle über das eigene Leben zu haben.

Lisa Forster

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