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Das Morgen stirbt nie, das Gestern auch nicht

Das Morgen stirbt nie, das Gestern auch nicht

Der US-Songwriter Matthew Logan Vasquez macht auf seiner neuen Platte Musik, wie sie eigentlich nicht mehr gemacht wird

Der Song erzählt alles über Väter, Söhne, Unversöhnlichkeit. Der Junge trinkt zu viel. Als er eines Nachts nach einem Blackout auf dem Parkplatz vor der Kneipe aufwacht, ruft er zu Hause an und rechnet ab. „Du hast alles Gute von mir weggenommen und es begraben“, wirft er dem Vater vor, der immer zu viel auf die Meinung der Nachbarn gegeben hat und sich ohne Erkenntnis von Ursache und Wirkung dafür schämt, einen Trunkenbold zum Sohn zu haben. „Tall Man“ heißt das Lied, gesungen mit müder Wehmutsstimme, ein bewölktes Stück Americana zur Akustikgitarre, in das dann urplötzlich ein Chor einbricht wie die Strahlen einer Nachgewittersonne.

Matthew Logan Vasquez hat den Song geschrieben, als habe er das selbst erlebt. Dem Zusammenbruch lässt er den Aufbruch folgen: „Ich weiß“, singt sein Held trotzig, „ich kann mich ändern.“ Das Morgen stirbt nie. Dass sich dieses Vierminuten-Melodram zu einer enorm einprägsamen, ja betörenden Melodie abspielt, ist bei Vasquez Ehrensache.

Denn Vasquez (31) ist Sänger, Gitarrist und Songschreiber der kalifornischen Band Delta Spirit, wahren Meistern der Melodie und der Abwechslung, deren derzeitiger Zustand unklar, aber immerhin „nicht aufgelöst“ ist. „Does What He Wants“ heißt Vasquez’ zweites Soloalbum nach dem spröden, rockenden „Solicitor Returns“ (2016). Elf Songs über kleine und große Krisen, über Entfremdung, Isolation, Heimkehr, über den Kampf ums Überleben mit wenig Geld und den Tod und – in „Fatherhood“ – über das Wissen als Vater des kleinen Thor, dass die „selbstsüchtigen Tage des Lebens sich nun dem Ende zuneigen.“ Gewiss soll bei ihm nicht eines Tages das Telefon klingeln wie in „Tall Man“. Vasquez „macht, was er will“ auf diesem Album, das Cover mit seinem Vampir-Schriftzug und dem faden Kohlestiftporträt bringt „Does What He Wants“ dabei in Gefahr, zum Ladenhüter zu werden. Die Musik aber ist überwältigend, erinnert an zeitlose Alben der siebziger Jahre. Das Gestern stirbt auch nie.

„Same“, der Albumöffner, schnauft und stampft los wie ein Zwillingsbruder von ELOs „Don’t bring me down“, „Red Fish“ ist Harry-Nilsson-artig burlesk und „Fires Down in Mexico“ schlägt den Bogen zum psychedelischen Pop. Mal klingt Vasquez’ Stimme dabei nach Rockröhre, mal nach John Lennon.

Matthias Halbig

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