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Der neue „Parsifal“ wird in Bayreuth gefeiert

Bayreuth Der neue „Parsifal“ wird in Bayreuth gefeiert

Vor den Toren des Bayreuther Festspielhauses geht es am Tag nach dem ersten islamistischen Selbstmordanschlag in Deutschland um die Sicherheit. Und auf der Bühne gibt es bei der Eröffnung der Wagner-Festspiele einen Appell für die Freiheit von Religion.

Bayreuth. Rund um das Festspielhaus in Bayreuth dreht sich am Tag nach dem ersten Selbstmordanschlag eines Islamisten in Deutschland alles um Sicherheit und Terrorangst. Und im Festspielhaus ruft Regisseur Uwe Eric Laufenberg dem Publikum zu: Lasst das doch mit der Religion – und konzentriert Euch aufs Menschsein.

Laufenberg, vor zwei Jahren für den gefeuerten Skandalkünstler Jonathan Meese eingesprungen, hat am Montagabend bei den Richard-Wagner-Festspielen eine überaus religionskritische Version von Wagners Spätwerk „Parsifal“ auf die Bühne gebracht. Seine humanistische Interpretation der Erlösungsoper kam beim Publikum fast ausnahmslos bestens an.

Der Intendant des Hessischen Staatsschauspiels in Wiesbaden, der seine eigene Inszenierung im Publikum verfolgt hat, erntet am Schluss Schulterklopfen. Ein Zuschauer küsst ihn sogar auf die Wange. Und auch als er auf der Bühne steht, wird er beinahe so sehr gefeiert wie der kurzfristig eingesprungene Dirigent Hartmut Haenchen, der mit insgesamt vier Stunden ziemlich schnell durch die drei Akte von Wagners letzter Oper führt, und das Sängerensemble um Klaus Florian Vogt in der Titelrolle. In Bayreuth, wo „Ring“-Regisseur Frank Castorf minutenlang ausgebuht wurde, ist das alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

In Laufenbergs Inszenierung – gerüchteweise als islamkritisch angekündigt – bekommt jede monotheistische Religion ihr Fett weg. Den ersten Aufzug der Erlösungs-Oper verlegt er in eine katholische Kirche irgendwo im Nahen Osten. Flüchtlinge scheinen dort auf Feldbetten Kirchenasyl gefunden zu haben. Doch sie müssen gehen, als die Gralsritter ihren Riten nachgehen wollen – schließlich steht ja am Ende des ersten Aktes die feierliche Enthüllung des Heiligen Grals. Der erste Hinweis von vielen, dass die Religion in Laufenbergs Interpretation mehr sich selbst dient als den Menschen.

Ein eingespielter Film auf einer Leinwand zoomt heraus aus der Kirche, links und rechts sind Feuerbälle zu sehen, die an Explosionen oder brennende Gebäude erinnern, der Zoom zieht weiter auf, zeigt die Erde, bald die Sonne, das Weltall – Star Wars lässt grüßen - und rast wieder zurück auf diese winzig kleine Kirche wohl irgendwo im türkisch-irakisch-syrischen Grenzgebiet. Dort zelebrieren  die Gralsritter – unbeeindruckt von den Dingen, die außen vor sich gehen - ihren religiösen Ritus. Amfortas (Ryan McKinny), bei Laufenberg eine explizite Christusgestalt mit Dornenkrone und Wundmalen, liegt blutüberströmt auf einer Art Taufbecken, seine Ritter zapfen ihm das Blut ab.

Der zweite Teil spielt in einer Art orientalischer Wellness-Oase, in der die Blumenmädchen und Kundry vergeblich versuchen, dem „reinen Tor“ Parsifal seine Unschuld zu rauben. Die Blumenmädchen sind zunächst schwarz verschleiert. Bevor sie die Bühne betreten, befinden sie sich hinter Gittern – verschleierte Frauen, eingesperrt. Wer Islamkritik sucht, könnte sie hier finden. Doch sobald sich der Schleier verschiebt, könnte es sich auch im katholische Nonnen handeln. Laufenberg macht da keinen Unterschied. Und ohnehin: Lange tragen die Mädchen die Verschleierung nicht – unter ihnen kommen Bauchtänzerinnen-Kostüme zum Vorschein. Die Kulisse wird zum Harem.

Vorher trägt der entmannte Klingsor ein Kruzifix durch die Gegend, das in einem hölzernen Phallus endet. Das patriarchische Christentum als Ersatz für die verlorene Männlichkeit – ein netter Gedanke, wenn auch etwas plump vorgetragen.

Im dritten Akt dann ist die Kirche – ihrer tragenden Pfeiler beraubt – nur noch eine Ruine. Dahinter kommt das Paradies zum Vorschein, in dem nackte Evas – ganz unbehelligt von Schlangen jeglicher Art – unter einem tropischen Wasserfall duschen. Wenn nur die Überreste dieser Kirche nicht wären – man hätte einen ungetrübten Blick auf dieses Paradies.

Ganz zum Schluss, in der berühmten Erlösungsszene, beerdigen Muslime, Juden und Christen die Symbole ihrer Religionen. Kruzifix, siebenarmige Leuchter und liturgische Gegenstände aller Art landen im Sarg. Überall dem thront von Aufzug eins an eine Gestalt. Regungs- und tatenlos wendet sie dem Publikum von Anfang an den Rücken zu. Dem Programmheft ist ein Zitat des Dalai Lama vorangestellt: „Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten.“

dpa

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