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Musik Deutschland sucht eine neue ESC-Hoffnung
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17:12 15.05.2017
Der ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber hält am ESC fest. Quelle: Peter Steffen
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Berlin

Nach dem dritten Fiasko in Folge werden Stimmen laut, Deutschland möge doch bitte beim Eurovision Song Contest (ESC) aussteigen.

Doch für die Verantwortlichen kommt ein Rückzug von der gigantischen Musikshow, die weltweit etwa 200 Millionen Menschen erreicht, nicht infrage, wie ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber klar stellt. Nun dürften wieder einmal die Köpfe rauchen: Wie lässt sich eine neuerliche Pleite im Jahr 2018 verhindern?

Die meisten Medien außerhalb Deutschlands schenken dem vorletzten Platz von Sängerin Levina (26) keine Beachtung, aber immerhin das „Luxemburger Wort“ meldete sich am Montag mit einer klaren Diagnose: Levina sei mit grauem, altbackenem Kleid vor farblosem Hintergrund „und ihrem 08/15-Lied optisch und musikalisch die graueste Maus von allen“ gewesen, schrieb die Zeitung aus Deutschlands kleinem Nachbarland, das seit 1993 nicht mehr beim ESC vertreten ist. Ähnlich sieht es offensichtlich Guildo Horn (54). Der Grand-Prix-Veteran, der den ESC 1998 mit seiner schrägen Nummer „Guildo hat euch lieb“ samt Klettereinlage und Glockengebimmel ins Bewusstsein zurückkatapultierte, lästerte auf Facebook über „biederes Mittelmaß“.

Der legendäre ESC-Kommentator Peter Urban vom Norddeutschen Rundfunk (NDR) hingegen nahm Levina in Schutz und erinnerte noch während der ESC-Show aus Kiew daran, dass beim deutschen Vorentscheid am Ende 69 Prozent der Zuschauer für Levinas Lied „Perfect Life“ votiert hatten. Doch der Geschmack des deutschen Publikums war anscheinend ein anderer als der vom übrigen Europa. Nach Ann Sophie und Jamie-Lee, die 2015 und 2016 ganz hinten landeten, fiel auch Levina durch: Publikum und nationale Jurys gaben ihr magere 6 Punkte, während sich Sieger Portugal mit 758 Punkten an die Spitze sang.

„Der Rückblick zeigt, wir haben eine lange Traditionslinie magerer Jahre Deutschlands beim ESC“, meint die Medienwissenschaftlerin Joan Bleicher von der Universität Hamburg. Der Grund dafür sei wohl weniger in der Musik zu finden. „Maßgeblich ist aus meiner Sicht die fehlende Sympathie für Deutschland in Europa.“ Dass es am falschen Verfahren im Vorentscheid liegt, hält Bleicher für unwahrscheinlich: „Ich glaube, selbst wenn die Götter des Musikhimmels im Chor für Deutschland auftreten, würde das nicht den German Hate (Hass auf Deutschland) beseitigen können.“

Die Frage, ob die Abstimmungen beim Vorentscheid schlicht die falschen Kandidaten produzieren, steht allerdings im Raum. Schon bald dürften die Überlegungen für 2018 beginnen, wenn der ESC nach dem Sieg von Salvador Sobral mit seiner zarten Jazz-Ballade „Amar pelos dois“ in Portugal über die Bühne geht.

ARD-Unterhaltungschef Schreiber plädiert für Reformen. Die nationalen Teilnehmer einfach festzulegen, statt über sie abstimmen zu lassen, ist aus seiner Sicht keine Option. Auch beim Auswahlverfahren erneut mit einer Casting-Show wie „The Voice of Germany“ zusammenzuarbeiten, hält Schreiber nicht für erfolgversprechend: „Das ist keine Perspektive“, sagte er am Montag. „Außer dem ersten Album von Ivy Quainoo ist bei keinem "The Voice of Germany"-Gewinner ein echter Hit entstanden.“

Hinzu kommt: „The Voice of Germany“-Gewinner Andreas Kümmert machte 2015 einen Rückzieher. Jamie Lee, die anschließende „The Voice of Germany“-Gewinnerin, habe zwar in Deutschland, aber beim ESC 2016 keinen Erfolg gehabt, sagte Schreiber.

Drei Debakel in Folge, trotzdem ist Deutschland - neben vier anderen großen Geldgebern und dem jeweiligen Vorjahressieger - automatisch fürs ESC-Finale gesetzt. Ist das gerechtfertigt? „Ja“, sagt Schreiber. „Unter anderem, weil Deutschland der größte Fernsehmarkt Europas ist und die mit Abstand meisten Zuschaueranrufe für das Finale aus Deutschland kommen.“

Deutschland und der ESC-Vorentscheid - in den vergangenen Jahren war das ein kompliziertes Thema. 2010 revolutionierte Stefan Raab die Auswahl des deutschen ESC-Beitrags. In acht Casting-Shows kooperierte die öffentlich-rechtliche ARD mit dem Privatsender ProSieben - und brachte Lena hervor, die mit „Satellite“ schließlich den ersten deutschen ESC-Sieg seit Nicoles „Ein bisschen Frieden“ von 1982 holte.

Seither wurde das Verfahren immer wieder verändert. Eine Bruchlandung erlebte der innerhalb der ARD für den Song Contest zuständige NDR im vergangenen Jahr, als er Xavier Naidoo ohne die zuvor gewohnte Zuschauerabstimmung zum Grand Prix schicken wollte. Für den NDR gab es einen Shitstorm - auch weil Naidoo bereits damals wegen politischer Äußerungen in der Kritik stand.

Dabei ist es gar nicht mal so ungewöhnlich, dass die am ESC beteiligten Fernsehsender ihre Kandidaten bestimmen, ohne vorher das Publikum zu fragen. In Österreich etwa wurde ESC-Gewinnerin Conchita Wurst 2013 vom Rundfunksender ORF direkt nominiert. In Frankreich werden die Kandidaten vom ausstrahlenden Sender France 2 und der französischen Eurovisions-Delegation ausgewählt. In den Niederlanden bestimmt der öffentlich-rechtliche Sender Avrotros, wer das Land beim ESC vertreten darf.

Blanche, die diesjährige Kandidatin Belgiens, die eigentlich Ellie Delvaux (17) heißt, hatte es mit 16 bei „The Voice Belgique“ bis ins Halbfinale geschafft. Die Entscheidung, sie nach Kiew zu schicken, traf letztlich die belgische Rundfunkanstalt RTBF - es reichte für einen sehr guten Platz vier.

dpa

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