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„Die Unendlichkeit“: Autobiografisches Album von Tocotronic

Rückschau „Die Unendlichkeit“: Autobiografisches Album von Tocotronic

„Es gibt von dieser Band, das ist schon bedeutend, nicht einen einzigen peinlichen Text“, schrieb Moritz von Uslar mal über Tocotronic. Auch auf ihrem neuen Album sind die Texte wieder klug, verrätselt, melancholisch. Aber vor allem: intimer als sonst.

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Von der Unendlichkeit in die Vergangenheit - und zurück. Und weiter.

Quelle: Michael Petersohn/universal Music

Berlin. „Ich möchte niemanden mit meinem Privatleben belästigen. Ich halte das für unappetitlich.“ Zwei Jahre ist dieser Satz von Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow alt, jetzt bringen er und seine Bandkollegen Jan Müller, Arne Zank und Rick McPhail ein Album mit zwölf autobiografischen Songs heraus.

Ein Widerspruch? Nicht wirklich, denn von Lowtzow gelingt es, auf „Die Unendlichkeit“, so von sich zu erzählen, dass sich darin auch der Hörer wiederfinden kann. Vieles bleibt - wie oft bei Tocotronic - verrätselt, manches ist intim, berührend ist alles.

Schon der erste Song, der den Titel des Albums trägt, hat es in sich: „Ich will mich verändern, doch wie fang ich’s an? Ich habe dich vielleicht belogen und zwar immer dann, wenn wir uns am nächsten waren.“ Fast jeder kennt wohl solche Situationen, und natürlich fragt man sich: auf wen könnte sich von Lowtzow beziehen? Doch konkreter wird es nicht, auch nach den restlichen elf Songs weiß man nicht wesentlich mehr über das Privatleben des 46-Jährigen und der Menschen darin.

Ihm sei wichtig gewesen, niemanden auszustellen, sagte von Lowtzow der dpa. Überhaupt habe er sich zunächst schwer getan mit den Songs. Genau das sei aber auch der Grund gewesen, dann doch das Album zu machen: „Weil einem das schwerfällt und weil man bestimmte Vorbehalte hat. Und vielleicht auch, weil es eine Herausforderung ist, ein autobiografisches Album zu machen, das viel von mir und meinem Leben preisgibt, aber eben gerade nicht belästigt.“

Plumpe Vertraulichkeit, von der Bassist Jan Müller sagt, genau die wolle man nicht, findet man auf dem Album tatsächlich nirgends. Stattdessen sieht man sich selbst wieder als unglücklichen Teenager, wenn es in „Electric Guitar“ heißt: „Ich drücke Pickel vor dem Spiegel aus, manic depression im Elternhaus“. Oder erkennt die eigene Rastlosigkeit über von Lowtzows klarer Stimme in dem melancholischen „Bis uns das Licht vertreibt“: „Ich sitze drin und tippe stumm, ständig auf dem blöden Ding herum, gesund ist das nicht.“

Von Lowtzow erzählt von seiner Kindheit in Süddeutschland, den Teenagerjahren, dem Ausbruch nach Hamburg - „Ausbruch aus der Schwarzwaldhölle“ - von Abstürzen, Süchten, Zweifeln, dem Leben in Berlin und dem Leben als Künstler.

Dabei ist das wohl persönlichste Stück auf dem Album auch das stärkste. „Unwiederbringlich“ erzählt von einem Freund des Sängers, der gestorben ist und den auch die anderen Bandkollegen kannten. „Es gab noch keine Handys, nur an Bord ein Telefon, als ich endlich ankam, wussten's alle schon“, singt von Lowtzow und man ist gleich drin: in einer anderen Zeit, in einem fernen Schmerz.

Einige der neuen Songs sind ruhig, melancholisch, mal mit treibenden Melodien, mal zögernd. Rockig wie man Tocotronic kennt, wird es aber auch - etwa in der ersten Single „Hey Du“, die man als Kampfansage an die Engstirnigkeit vieler Menschen lesen kann: „Ist mein Stil zu ungewohnt für den Kleinstadthorizont?“

Auch einen Slogan hinterlässt die Band mit diesem Album wieder, die schon Schlachtrufe wie: „Pure Vernunft darf niemals siegen“, „Sag alles ab!“ oder „Samstag ist Selbstmord“ prägte. „Alles was ich immer wollte, war alles, alles, was ich immer hatte, warst du“, erklärt von Lowtzow im schrammeligen letzten Song der Platte, und man stellt sich den Satz schon auf T-Shirts gedruckt vor.

Nur: ist das demütig oder wehmütig? Beides sei denkbar, sagt Bassist Müller. Und von Lowtzow sagt: „Wir finden den Umgang mit Widersprüchen ganz produktiv. Das Leben selbst ist ja auch sehr widersprüchlich.“

dpa

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