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Musik Ein Popstar in Countrylaune
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00:00 01.02.2018

Fünf Jahre ist das letzte Album von Justin Timberlake nun schon her. Und jetzt geht es Schlag auf Schlag. „Say Something“, der dritte Song aus dem neuen Justin-Timberlake-Werk, ist in der Welt. Er beginnt mit einem Klavier, das wie durch Watte gespielt wird. Timberlake drückt zu Beginn des Videos Soundknöpfchen, verzerrte Stimmen sind zu hören. Im Nachbarzimmer spielt der Countrymusiker Chris Stapleton Akustikgitarre. Zwei bärtige Männer, Timberlake im Holzfällerhemd, Stapleton mit Cowboyhut, streifen alsdann singend und schrammelnd durchs Haus. Liefern eine semiakustische Popnummer ab – einen Folksoul-Track, wie Justin Biebers „Love Yourself“, oder „Four Five Seconds“, Rihannas Terzett mit Kanye West und Paul McCartney. Ganz hübsch, aber auch völlig unspektakulär.

Die Musikstadt Memphis sollte das Album prägen. Von den bisher vorab veröffentlichten Nummern des morgen erscheinenden Albums „Man of the Woods“ löst „Say Something“ am deutlichsten das Versprechen eines hemdsärmeligen Sounds ein, das Timberlake bereits im Mai 2016 einem Radiosender gegeben hatte.

Er sprach davon, an einem Album zu arbeiten, in das er die Musiktraditionen seiner Heimatstadt einweben würde: „Memphis ist bekannt als der Geburtsort des Rock’n’Roll, die Heimat des Blues, und Nashville ist nur die Straße runter, sodass es hier auch eine Menge Countrymusik gibt.“

In Memphis machte Sam Phillips’ Plattenlabel Sun Records Elvis Presley, Johnny Cash, Jerry Lee Lewis und Roy Orbison bereit für die Welt, hier wurde der Soul bei Stax Records funky – mit legendären Sängern wie Otis Redding, Wilson Pickett und Isaac Hayes. Dass der Micky-Maus-Club-Mann und frühere NSYNC-Junior Timberlake sich auch auf anderes versteht als auf Clubtracks, hatte er schon 2013 im Film „Inside Llewyn Davis“ bewiesen, als er mit Carey Mulligan die wehmütige Folkbrise „500 Miles“ der Journeymen flüsterte. Ein Oldie aus einer Zeit, als Songs noch vor allem durch Text, Stimme und Melodie bezauberten.

Der Rücksturz zur Party von 2006: Der König der Tanzfläche als amerikanischer Wurzelsepp auf Suche nach den Roots? Das beunruhigte seine Fans doch zutiefst. Die süßlich-perlende Filmmusik zum Familiendrama „Rendezvous mit dem Leben“ (mit „Game of Thrones“-Star Maisie Williams) gab den Befürchtungen 2016 Auftrieb. Als für „Man of the Woods“ dann allerdings Produzentennamen wie Pharrell Williams, Chad Hugo, Danja und Timbaland fielen, atmeten die R'n'B-Fans wieder auf. Und die erste Single, „Filthy“, die wie gemacht für Timberlakes geplanten Superbowl-Auftritt am kommenden Sonntag scheint, war dann Anfang Januar ein Rücksturzversuch in die großen Tage von „SexyBack“, als das Teamwork mit Timbaland begann und beider Soundchemie die heißeste Musik des Augenblicks war.

Gesungen wird in „Filthy“ zu einem trockenen Maschinenfunk von der Party bis zum Morgengrauen, von Spaß und Wollust. Aber es ist eben die Party von 2006, alles andere als die Zukunft des Dancefloor.

Und bis auf einige Rockismen am Anfang und im letzten Songdrittel gibt es auch nichts für die Memphis-Trucker am Biertresen. Im Video führt ein Roboter als Popstar auf einer Konzertbühne Tanzmoves aus, die Timberlake ihm hinter den Kulissen vorgibt. Bis sich der Maschinenmensch von seinem Meister abkoppelt und sich Timberlake zu seiner eigenen Überraschung als Projektion erweist und in einem digitalen Blinzeln jäh verschwindet. Ein böses Omen.

Die Melodie von „Supplies“ bleibt nicht im Gedächtnis. Auch weit weg von allen Versprechungen war dann der zweite Song. „Supplies“, das Lied eines Liebenden, dessen Verehrung der Liebsten selbst über die Apokalypse hinausreicht. Ein durchaus sehenswertes Video, das den Anschein erweckt, es wolle irgendwie unsere wenig erquickliche Gegenwart kommentieren, das dann aber nichts Kohärentes liefert.

Im Gedächtnis bleiben weiße Krokodile und das weiße T-Shirt einer jungen Frau, auf dem „Pussy grabs back“ steht. Die Melodie also bleibt nicht hängen. Und die Italowesterngitarre im letzten Viertel dürfte keinen einzigen Freund klassischer Popmusikgenres dazu bewegen, den eher faden Popsong auch nur einmal komplett durchzustehen. Am Ende des Videos erhebt sich Timberlake und wischt sich den giftiggelben Staub von den Schultern. Weltende. Mad-Max-Zeit. Wer hört einem danach noch zu?

Die auf den Countryfolkrock-Justin Neugierigen dürfen jetzt noch darauf hoffen, dass sich hinter rustikalen „Man of the Woods“-Titeln wie „Montana“, „Flannel“, „Livin' off the Land“, „Breeze of the Pond“ und dem Titelsong noch ein paar „southern songs“ verbergen, dass Justin bei „The Hard Stuff“ vielleicht sogar mal für die Bikerkneipe rockt. Während die Tanzwütigen hinter Titeln wie „Midnight Summer Jam“, „Sauce“ und „Higher, Higher“ wohl zu Recht weiteren Clubstoff vermuten. Bei „Morning Light“ – einem Duett mit Alicia Keys – tippen wir auf eine Ballade. Mit Akustikgitarre – schließlich hat Chris Stapleton mitgeschrieben.

Timberlake legt den Hörern das Schweigen ans Herz: „Jeder sagt: Sag was!“, singen Stapleton und Timberlake in „Say Something“. Und wahrscheinlich zielen die beiden damit auf das end- und oft sinnlose digitale Plappern in den sozialen Netzwerken ab, das immerfort digitales Antwortplappern einfordert. Klar wird das aber nicht. Als mittendrin im Lied die Instrumente zugunsten der Stimmen zurückgefahren werden, wird die Kernzeile des Texts mantraartig ausgegeben: „Manchmal ist der beste Weg etwas zu sagen, überhaupt nichts zu sagen“, sind sich die beiden Sänger einig. Das ist nun aber die falsche Botschaft in Zeiten von Trump und #MeToo, die eher nach Selbstvergewisserung, Positionierung und lautstarkem Widerstand rufen. Schweigen ist derzeit Silber, Reden dagegen Gold. Seine Fans blicken mit gemischten Gefühlen auf das neue Album „Man of the Woods“.

Matthias Halbig

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