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„Es ist Album gewordene Prince-Liebe”

„Es ist Album gewordene Prince-Liebe”

Die österreichische Band Bilderbuch bringt morgen ihre neue Platte „Magic Life“ heraus

Für das ARD-Magazin „Titel, Thesen, Temperamente“ sind Bilderbuch „das Spannendste, was deutschsprachige Popmusik zu bieten hat“ – die Österreicher haben sich längst von der Austropop-Bewegung emanzipiert. Wir sprachen mit Sänger Maurice Ernst (28).

„Magic Life“ ist geprägt von einer sprechenden, sehr groovigen Gitarre – eine Konsequenz aus der Live-Umsetzung von „Schick Schock“ als Band?

Maurice Ernst: Es war eine bewusste Entscheidung, dass die Gitarren im Vordergrund stehen, weil sie einen gewissen Dreck und Soul in die Popmusik bringen. Etwas, was in der modernen Musik sonst die Stimme macht, wenn überhaupt. Genau da wollten wir ansetzen. Nicht immer diese Beat-Musik, die man im Radio hört. Also sind wir vom Beat weggegangen.

Wer das sonst noch so konsequent gemacht hat, ist eigentlich nur Prince. Und „Superfunkypartytime“ ist eh eine Prince-Nummer?...

Ja, es ist Album gewordene Prince-Liebe (lacht). Das Schöne ist, wenn man so lange Musik macht, dass man oft ganz viel probiert. Und bei so einem Stück lässt man einfach los, und die Liebe zum Groove übernimmt.

Was war die Aufgabe?

Wir wollten uns nicht wiederholen, aber gleichzeitig den roten Faden behalten. „Schick Schock 2“ wäre lächerlich gewesen. Die Zeit hat sich verändert, die Gesellschaft hat sich verändert. Darauf wollten wir eingehen, Musik machen, die dem entspricht, die Rechtfertigung dafür geben, dass man es macht.

Es geht einem erst allmählich auf, wie böse dieses Album ist, dass hinter all diesen Wellness-Schlagworten wie „Carpe Diem“ und „sneakers4free“ ein glitzernder Abgrund der Wohlstandgesellschaft steckt.

So ist es. Es ist auch ein Blick nach innen. Man hat das Gefühl, man sitzt in einem Schiff, und die Wellen kommen immer höher. Es ist so viel passiert, das wir auch bei „Magic Life“ eingebaut haben.

Das muss man nicht verstehen; man kann es auch ästhetisch genießen. Aber es ist da. Das Vorab-Cover zum Beispiel ist eine Anspielung auf die Europa-Flagge. Ein Pop-Album muss dir nicht sagen, was gut und was schlecht ist. Es muss dich verführen. Es muss dir die Möglichkeit geben, es auf verschiedene Weisen zu lesen. Und doch zeugt „Magic Life“ von der gesellschaftlichen Zerbrechlichkeit.

Von der „Maschin“ von „Schick Schock“ bleibt in „Bungalow“ nur der Skoda.

Es ist auch der Bungalow. Es ist nicht die Yacht. Es geht um die Sehnsucht nach Häuslichkeit der Leute, die – egal, wie intelligent sie sind – merken, es hat sich etwas verändert, und sich dazu verhalten müssen. Das ist kürzer gedacht als vor drei Jahren.

Markiert „Magic Life“ die Abkehr vom Begriff des Austropop?

Sehr. Es gibt dieses eine Lied darauf, „Baba“, das einen Blick auf diese Szene wirft, das den Austropop vielleicht – das hoffen wir jedenfalls – neu definiert. Es kann in unserer Zeit, in diesem Vakuum, doch nicht der Sinn sein, dass die Österreicher sich dabei wohl fühlen, nur sich selbst zuzuhören. Das hat doch keinen Lack. Darum ein Lied wie „Sweetlove“, darum ein Lied wie „ I Für uns war das lange ein Thema, wie wir uns wohlfühlen können in diesem Land, wie wir Musik machen können in diesem Land, die gefallen soll, das natürlich, aber die sich nicht verbiegt.

Wird es weiter die Vier-Mann-Besetzung sein?

Wir überlegen erstmals, zwei Gospel-Ladys mitzunehmen und sie in unseren Kosmos zu überführen.

Wie zum Beispiel bei „sneakers4free“, wo es im Gospelgesang um kostenlose Drinks, um „Frinks“, geht?...

Ja, genau.

Kann Popmusik noch etwas ausrichtet?

Ja. Ich habe das für mich neulich neu definiert, warum wir wichtiger sind, als wir gemeinhin glauben. Nehmen wir mal zwei Freunde, die zufällig im Radio über Bilderbuch stolpern. Der eine sagt:

„Schau her, das groovt.“ Der andere sagt, vielleicht ein Gabalier-Fan: „Das ist einfach nur Dreck; das ist blöder Scheiß“ – du weißt ja, wie die Leute reden. Und schon müssen sie sich unterhalten.

Wenn man als Band den Samen für Gespräche säen kann, verändert das etwas.

Interview: Stefan Gohlisch

Live: am 17. Februar in der Berlin e Volksbühne (Rosa-Luxemburg-Platz), Karten: bereits ausverkauft

OZ

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