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Musik Headbanger mit Handicap in Wacken
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16:08 07.08.2016
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Wacken

„Wacken-Werner“ ist ein hagerer Mann, schwarz gekleidet, und wo sein T-Shirt an Hals und Armen die Haut sehen lässt, ist alles tätowiert.

„Es ist mein 14. Mal, dass ich in Wacken bin - davon die letzten zehn Mal im Rollstuhl“, erzählt Werner. Bei einem Motorradunfall verlor er beide Beine. „Davon lass ich mich nicht behindern“, habe er sich damals geschworen. „Wacken ist mit viel Schmutz und Dreck verbunden. Aber das will ich auch: Das ist der Moment, wo ich nicht mehr der Rolli-Fahrer aus Hamburg bin, sondern der Wacken-Werner.“ Nach kurzer Pause fügt er mit einem Grinsen hinzu: „Ich bin 58, noch jung.“

Werner ist einer von rund 450 Menschen mit Handicap auf dem Wacken Open Air. „Es werden jedes Jahr mehr“, sagt Ron Paustian, der Inklusionsbeauftragte des Festivals. „Der schwerste Fall in diesem Jahr ist Andreas, ein Beatmungspatient, der liegend gebracht wurde.“ Andreas sei das erste Mal auf dem Festival. „Es war sein größter Wunsch, und wir haben es hingekriegt.“ Auf dem „Holy Ground“ - dem Festivalgelände – sei er in einen Rollstuhl gesetzt worden, an dem tragbare, notwendige Geräte befestigt wurden. Um seine medizinische Versorgung müssen sich die W:O:A-Helfer nicht kümmern, das übernehme er selber. „Wir machen nur möglich, dass er teilnehmen kann, sorgen für Barrierefreiheit“, sagt Paustian.

„Die haben extra für uns Podeste gebaut, damit wir nicht zwischen den Leuten in der Masse stecken“, schwärmt „Wacken-Werner“. „Statt vom Rolli aus den anderen Leuten nur auf den Arsch gucken - viele würden da Klaustrophobie bekommen - schwebst du über der Masse: 'ne geile Angelegenheit.“ Sein Freund Jens sitzt auch in einem Rollstuhl - ein von Bekannten selbst zusammengeschweißtes „Wacken-Mobil“: Der 37-jährige Bürokaufmann wohnt in der Nähe von Offenbach in Hessen und kann noch ein bisschen laufen, sagt er. „Ist aber nicht meine große Stärke: Ein Sprinter werde ich nicht mehr.“ Seit 2004 ist er begeisterter Wacken-Fan: „Dies Jahr ist mein 11. Wacken.“

Aber was ist an dem W:O:A so toll, dass ein Rollstuhlfahrer immer wieder herkommen will? In Wacken werde er „normal“ behandelt, sagt Jens. „Hier bist du einfach ein Headbanger. Die machen hier keinen Unterschied: Egal ob du im Rollstuhl sitzt, oder nur 1,30 Meter groß bist, du wirst akzeptiert, wie du bist.“

„Die Leute hier übersehen, dass ich anders bin“, ergänzt „Wacken-Werner“. Und korrigiert sich sofort selber: „Für die bin ich nicht anders: Ich bin hier einer von 80 000.“ In Hamburg, wo er in einer Steuerberatung arbeitet, sagen die Leute „oooocchhh“, wenn sie von seinem Handicap erfahren. „Ich bin aber nicht "oooocchhh"“, sagt Werner. „Ich lass mich nicht durch den Rollstuhl einschränken.“ Natürlich hätten auch Rollstuhlfahrer mal Probleme. „Aber das haben die anderen Festival-Besucher auch.“ Die müssen auch durch den Matsch durch. „Wir ziehen alle am gleichen Strang“, sagt er.

„Die Leute, die hier rumlaufen, übersehen, dass wir in der Karre sitzen“, sagt Werner. Außer, wenn Hilfe nötig ist. Im Gegensatz zu seiner Heimatstadt Hamburg. Wenn Werner dort vor einem hohen Bordstein steht, gehen die meisten Leute vorbei, sagt er. „Das wird dir hier nicht passieren. Man muss gar nichts sagen. Letztes Jahr stand ich mit meinem Rollstuhl im Matsch, da kommen 20 Langhaarige angerannt: Digger, wo willst du hin?“, erzählt er. „Ich war bis zur Achse im Schlamm versunken, war aber egal. Die Jungs haben mich da durchgezerrt: Strömender Regen, bis zum Hals mit Schlamm bespritzt, aber ab nach vorne.“

„Wacken-Werner“ weiß: „Ich kann hier ‘ne geile Party machen, mich fünf Tage lang amüsieren, Konzerte anhören, Bier trinken, Schwachsinn labern – was eben zu einem normalen Festival dazu gehört.“ Entsprechend hoch ist der Stellenwert des Wacken Open Air auch bei vielen Rollstuhlfahrern. „Letztes Jahr musste ich meiner Chefin drohen: Entweder ich krieg Urlaub für Wacken, oder ich kündige“, erzählt Jeff. „Bei mir steht Wacken als Jahresurlaub im Arbeitsvertrag“, setzt Werner mit heiserem Lachen noch einen obendrauf. „Ich kann hier fünf Tage lang die Seele baumeln lassen und Energie tanken - bis zum nächsten August.“

dpa

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