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Hilsdorf nimmt Wagners „Rheingold“ leicht

Kontroversen im Salon Hilsdorf nimmt Wagners „Rheingold“ leicht

Alberich erinnert mit Hinkefuß und Buckel an den Glöckner von Notre-Dame, die Rheintöchter an Cancan-Tänzerinnen. Dietrich W. Hilsdorf verlegt Wagners „Rheingold“ ins 19. Jahrhundert. In  Düsseldorf gefällt das nicht allen.

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Die Deutsche Oper am Rhein inszeniert erstmals seit mehr als 25 Jahren wieder Wagners „Ring des Nibelungen“.

Quelle: Hans Joerg Michel

Düsseldorf. Beim Schlussapplaus nach der „Rheingold“-Premiere ist es am Freitagabend im Düsseldorfer Opernhaus kontrovers zugegangen.

Nach einhelligem Jubel für die Sänger und die musikalische Leitung von Generalmusikdirektor Axel Kober musste das Regie-Team um Dietrich W. Hilsdorf harsche Proteste einstecken.

Tatsächlich ist Hilsdorfs Deutung enttäuschend für „Ring“-Kenner, die im „Rheingold“, dem kurzen Vorabend der Tetralogie, bereits das folgende Drama in seiner ganzen Schwere angelegt sehen wollen. Denn Hilsdorf nimmt Wagner demonstrativ leicht. Dieter Richters Bühnenbild rahmt das Portal mit einem Kranz von bunten Varieté-Glühbirnen ein, die beim Einzug der Götter nach Walhall blinken. Noch vor dem Vorspiel betritt Norbert Ernst als Loge im weinroten Frack wie ein smarter Conférencier die Bühne, entzündet in den bloßen Händen züngelnde Flammen und zitiert Heinrich Heines berühmtes „Loreley“-Gedicht: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten?“.

Heinrich Heine in Düsseldorf zu zitieren, ist nicht abwegig, zumal Heine Wagners Zeitgenosse war. Dann wiederholt Ernst aber das Wörtchen „es“ bedeutungsschwer und lenkt so die Aufmerksamkeit auf das berühmte Es-Dur des folgenden Orchestervorspiels, womit Hilsdorfs Distanz zum Werk Wagners überdeutlich wird: Mit dem Zitat Heines spielt er auf Wagners Antisemitismus an, und mit dem Fingerzeig auf Es-Dur relativiert er das von Wagnerianern als magisch gefeierte Vorspiel.

Bereits vorab hatte Hilsdorf mehrfach öffentlich zu Protokoll gegeben, dass er Wagner Leitmotivtechnik für banal halte und sich überhaupt gegen das Gift der Musik mit der Lektüre von Börne und Zola sozusagen geimpft habe. Hilsdorf will also bewusst nicht an Aufführungstraditionen des „Ring“ anknüpfen und den Mythos der Tetralogie bewusst dekonstruieren, was ihm auch gelingt. Allerdings auf Kosten der Fallhöhe.

Hinter dem Varieté-Portal öffnet sich nach dem Vorspiel ein Salon des 19. Jahrhunderts, der ebenso ein Bordell wie ein Warteraum der Villa Hügel sein könnte. Auf der Rückfront flimmern Videos, auf der linken Seite führt eine steile Treppe ins Obergeschoss. Der Raum bleibt neutral und bildet auch die Kulisse für das unterirdische Nibelheim, wo krachend schwere Loren Teile der Türen mitreißen.

Die Geschichte des Zwergs Alberich, der vergeblich um die Rheintöchter buhlt und der Liebe abschwört zugunsten des Goldes, und das Drama um Wotan, der sich Walhall bauen ließ und die Rechnung nicht bezahlen kann, erzählt Hilsdorf mit der Leichtigkeit eines Konversations-Stücks. Alberich (Michael Kraus) erinnert mit Hinkefuß und Buckel an den Glöckner von Notre-Dame, die Rheintöchter an die Cancan-Tänzerinnen von Henri Toulouse-Lautrec.

Wotan wird von Gattin Fricka im Rollstuhl hereingefahren, Erda platzt aus einem Rund-Sofa im Kostüm von Elisabeth I. heraus – samt roter Perücke, die sich dann Wotan aufsetzt. Die Riesen poltern in Zimmermannstracht herein, Freia trägt zuckersüßes Rosa, die Herren Froh und Donner großbürgerliche Anzüge des 19. Jahrhunderts. Hilsdorf inszeniert psychologisch genau, zeichnet alltägliche, kleinformatige Charaktere und lässt manchmal die Einsamkeit der Figuren von Ibsen aufblitzen. Vieles ist amüsant, aber das Kleinteilige der Regie übersteht einige Spannungslücken nur mit Mühe.

Musikalisch teilt Axel Kober im Graben Hilsdorfs distanzierte Sicht und musiziert flott und immun gegen Wagners Rausch-Gefahr. In Reihe acht im Parkett klingt vieles jedoch ernüchternd trocken, oft zu laut und wenig delikat.

Das Sänger-Ensemble ist jedoch ohne Abstriche famos: An der Spitze ist Norbert Ernst als Loge auch darstellerisch die reifste Figur auf der Bühne, Michael Kraus als Alberich klingt formidabel, muss aber arg karikieren, Simon Neal ist ein zunächst starker Wotan, der dann etwas abbaut, die stimmstarken Rheintöchter sind wie aus einem Guss. Cornel Frey hat einen fulminanten Auftritt und den beiden großartig singenden Riesen Fasolt (Bogdan Talos) und Fafner (Thorsten Grümbel) hat Hilsdorf seinen ganzen differenzierenden Scharfsinn gewidmet.

Fazit: Ein zwiespältiger „Ring“-Auftakt, der noch kaum ahnen lässt, wohin die Reise gehen wird. 2018 folgen in Düsseldorf „Die Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“.

dpa

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