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„Ich will nicht immer der Melancholie-Milow sein“

„Ich will nicht immer der Melancholie-Milow sein“

Der belgische Popmusiker Milow hat gerade eine neue Platte herausgebracht / Sie ist überraschend elektronisch / Dem OZelot sagt er, in welchem Zusammenhang das mit Los Angeles steht

Das ist eine Überraschung. Jonathan Vandenbroeck alias Milow hat nach vier erfolgreichen Alben und zahlreichen Hitsingles („You an me“, „You don’t know“) auf dem neuen Werk „Modern Heart“ tatsächlich den Sound renoviert. Seinen akustischen Minimal-Pop hat der 34-Jährige, der halb in Leuwen bei Brüssel und halb in Los Angeles lebt, mit entspannt-sanften, hin und wieder auch energischen Elektronik-Elementen angereichert.

Milow, wie ist aktuell die Stimmung in Brüssel, rund zwei Monate nach den Anschlägen?

Milow: Mies. Und immer noch angespannt. Brüssel leidet. Die Hotels sind leer, die Restaurants auch, die Konzerte höchstens halbvoll. Paris fand schnell wieder zur Normalität zurück, weil die Stadt einfach so riesig ist. Nach Brüssel kommen sonst viele Leute, die außerhalb leben. Und jetzt kommen sie eben nicht. Ein riesiges Problem ist allerdings auch das Chaos am Flughafen. Das ist wirklich fürchterlich, drei Stunden vor deinem Flug sollst du da sein, und wenn du Pech hast, verpasst du ihn trotzdem. Ich fliege jetzt lieber ab Amsterdam oder Düsseldorf.

Oje.

Milow: Das Chaos am Flughafen ist für mich auch eine Metapher für das Chaos in ganz Belgien. Das Land kriegt einfach nichts auf die Reihe. Du würdest denken, dass nach so einer Tragödie alle an einem Strang ziehen, damit sich die Bewohner und die Reisenden wieder wohlfühlen, aber was passiert stattdessen? Alle streiken, alle streiten. Wie immer. Ich bin insgesamt sehr frustriert, was Belgien betrifft.

Du lebst seit Jahren auch in Los Angeles. Warum?

Milow: Los Angeles ist der Ort, an dem ich zur Ruhe komme. Dort kann ich schreiben und mich auf meine Musik fokussieren. Ich wohne seit 2012 in Venice, nicht weit vom Strand. Ich laufe oft und gehe surfen. Erst wollte ich nur ein paar Wochen bleiben, um mich nach den wilden ersten Jahren meiner Karriere zu erholen, aber es gefiel mir so gut, dass ich blieb. „Modern Heart“ ist jetzt das zweite Album, das ich in Los Angeles aufgenommen habe.

Das hört man auch – oder?

Milow: Ja, total. „Modern Heart“ ist ein Großstadtalbum, ich hätte das so nicht in Belgien machen können. Die Platte ist der erste Teil eines neuen musikalischen Kapitels, es klingt nach frischer Luft und nach cineastischer Weite.

Zum ersten Mal reicherst du deine kleinen, akustischen Gitarrenlieder mit elektronischem Pop und Elementen aus Soul und R&B an. War dir der alte Milow langweilig geworden?

Milow: Ja. Ich wollte unbedingt ein paar schnellere und poppigere Lieder machen. Bloß nicht noch ein Album, das wieder so intim klingt. Meine Vision war, Songs aufzunehmen, die in ein DJ-Set passen, in dem ansonsten vielleicht Drake, Frank Ocean oder Justin Timberlake vorkommen.

Hast du deshalb auch den Produzenten Brian Kennedy engagiert, der zum Beispiel viel mit Rihanna gearbeitet hat?

Milow: Ich kenne Brian schon länger, wir sind ein bisschen befreundet, und ich wusste, dass er genau der richtige Mann für mich ist. Früher war meine Musik immer eher unterproduziert und spartanisch, Brian hat mir die Angst genommen vor den Beats der Nacht und der pulsierenden Großstadt.

Ist es Absicht, dass die neuen Songs auch optimistischer klingen, fröhlicher?

Milow: Schon. Ich will nicht für alle Zeiten der Melancholie-Milow sein. Das Album ist für mich eine Feier des Lebens. In „Howling at the Moon“ zum Beispiel blicke ich zurück auf meinen Optimismus und meine Neugier als Jugendlicher. Ich wollte unbedingt die ganze Welt sehen. Verrückt, dass mir das dank meiner kleinen Songs wirklich gelungen ist. Ich fing an als vermeintliches One Hit Wonder, und jetzt bin ich immer noch hier. Darauf bin ich stolz.

Über wen singst du eigentlich im sechs Minuten langen „Way up high“?

Milow: Über meinen Vater. Er starb 2008 mit nur 53 Jahren, und ich vermisse ihn sehr. Auch wenn ich überhaupt nicht religiös bin, frage ich mich, ob er da oben vielleicht ein bisschen auf mich aufpasst.

• Online: www.milow.com

Interview von Steffen Rüth

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