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Johannes Oerding privat und politisch

Johannes Oerding privat und politisch

Mit seinem Hit „Alles brennt“ habe sich eine Tür geöffnet, die größer als alle anderen zuvor gewesen sei, sagt der Musiker / Jetzt hat er ein neues Werk vorgelegt

Nur ein paar hundert Meter liegen zwischen den beiden Hotels, von denen eines die Dauerherberge des Rockstars Udo Lindenberg (70) und das andere der Ort ist, an dem Musiker Johannes Oerding (35) Interviews zu seinem neuen Album gibt. Vor kurzem standen die beiden Wahl-Hamburger mit der Vorliebe für Hüte bei der Echo-Verleihung für einen Udo Lindenberg&Friends-Auftritt gemeinsam auf der Bühne. Vom Altmeister gibt es auch ein dickes Lob für den halb so alten Kollegen: Für ihn sei er der „kleine Bruder von Stevie Wonder“, sagt Lindenberg. „In seinen Venen rollt eine Mega-Mixtur aus Jazz, Blues und Rock ’n’ Roll. Wenn er singt, krieg ich Gänsehaut bis in meine grünen Socken.“ Gerade hat Oerding ein neues Album vorgelegt.

„Kreise“ ist das fünfte Studioalbum für den Songwriter, der regelmäßig im Abstand von rund zwei Jahren eine Platte herausbringt. Bleibt es in den Albumcharts für ihn ebenfalls bei einer gewissen Kontinuität, dann hieße das diesmal Platz zwei. Mit „Für immer ab jetzt“ hatte er 2013 den vierten Rang geschafft, mit „Alles brennt“vor zwei Jahren den dritten. Dazwischen tourte er fleißig durchs Land und arbeitete mit an den Alben anderer Kollegen, wie seiner Freundin, der TV-Moderatorin und Sängerin Ina Müller (51). Nun liefert der Songwriter 14 eigene Stücke: von eingängigen und aufwendig produzierten Popsongs wie der ersten Auskopplung – dem Titellied „Kreise“ – bis zu zurückgenommenen Stücken, wie der gefühlvollen Ballade „Zwischen Mann und Kind“.  

Beim Sound sei er eher „wieder einen Schritt zurück zu den Anfängen“ gegangen und habe mehr live mit der Band eingespielt, erzählt Oerding. Textlich habe er sich auch Neuem gewidmet: „Diesmal geht es nicht nur um meine klassischen Themen wie Liebe, Unterwegssein und Sehnsucht, mit ,Weiße Tauben’ etwa habe ich mein erstes politisches Lied gemacht.“ Erwachsener und politischer sei er geworden. Bei einer Echo-Verleihung sei ihm aufgefallen, dass kaum was zu politischen Themen und gesellschaftlichen Missständen gesagt wurde. „Da habe ich mich gefragt: Was würde ich denn machen, wenn ich da stünde? Sollte man so ein Forum nicht besser nutzen? Als Künstler im Fokus sehe ich da zumindest für mich eine gewisse Verantwortung.“

Beruflich sei sehr viel passiert bei ihm. „Mit ,Alles brennt’ ist einfach mal eine Tür aufgegangen, die viel größer war als alle anderen Türen zuvor“, erzählt der Musiker. Die Konzerthallen seien größer geworden, im Herbst will Oerding unter anderem erstmals die Hamburger Barclaycard Arena füllen. Er habe auch das Gefühl, dass er – mit Mitte 30 – zum ersten Mal so richtig zurückgeblickt habe: „Was ist bis hierhin gewesen? Was habe ich bislang gemacht? Was habe ich erreicht? Das habe ich vorher so nie getan.“ „100 Leben“ etwa sei ein Song über die erste Hälfte seines Lebens auf dem Dorf, „Leuchtschrift (Große Freiheit)“ über das Urbane in der zweiten Hälfte. „Ich wollte beide Facetten zeigen: Ich bin Dorf, aber ich bin auch Großstadt.“

Was er aber definitiv nicht sei: Tinder. Jene Dating-App besingt er in „Love Me Tinder“. „Zwar bin ich sowieso kein Single, aber selbst dann wäre mir das zu unromantisch.“ Privat sei er sehr glücklich und hoffe, dass das alles lange so bleibe. Beruflich fühle er sich so, als wäre er noch ganz am Anfang. „Ich sehe da noch ganz viel Luft nach oben. Ich möchte noch viele Alben machen, mit anderen Künstlern zusammenarbeiten und immer wieder touren.“ Sein Job sei für ihn ohnehin „der geilste der Welt“. „Mir ist schon bewusst, dass ich einen privilegierten Beruf habe, ein gutes Leben und gutes Geld damit verdiene. In der Regel kriege ich auch noch Applaus für das, was ich mache.“

Kritiken liest Oerding nicht mehr. „Meine Musik ist das Allerpersönlichste, das ich mache. Wenn jemand meine Musik kritisiert, empfinde ich das als Kritik an mir selbst – das kann ich nicht trennen“, erklärt er. Die Meinung seiner wortgewaltigen Freundin Ina sei ihm jedoch sehr wichtig. „Mit ihrer Kritik kann ich aber auch nicht so gut umgehen. Ich bin erst mal beleidigt, auch wenn ich versuche, mich zusammenzureißen“, erzählt er. „Wenn allerdings der fünfte Song hintereinander von ihr auseinandergenommen wird, geht’s nicht mehr. Sie selbst kann mit meiner Kritik viel besser umgehen.“

Johannes Oerding CD „Kreise“ (Columbia/Sony) seit 5. Mai im Handel

Dorit Koch

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