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Musik Liebe, Hass und viel mehr: Kiwanukas Soul-Triumph
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15:30 22.07.2016
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Berlin

Wenn schwarze Popmusik von heute nach den großen Vorbildern der 60er und 70er Jahre schielt, ist schnell von „Retro-Soul“ die Rede.

Ein zweischneidiges Etikett - davon kann auch Michael Kiwanuka ein Lied singen. Der 29-jährige Brite mit ugandischen Wurzeln entkommt dem Vorwurf, nur ein Nachahmer zu sein, jetzt äußerst lässig mit einem grandiosen zweiten Album.

„Love & Hate“ orientiert sich zwar wie schon das erfolgreiche Debüt „Home Again“ (2012) an der Soulmusik früherer Dekaden. Dies aber mit so viel Selbstbewusstsein, Feingefühl und Waghalsigkeit, dass jeder Verdacht fehlender Originalität an Kiwanuka abprallt. Ganz davon abgesehen, dass der Mann eine der edelsten Stimmen der modernen Popmusik - egal welcher Richtung - sein Eigen nennt: In diesen 55 aufwühlenden Minuten macht er alles richtig.

Kiwanuka erweist sich auf „Love & Hate“ nach den meist kargen, nostalgischen Akustik-Balladen des Vorgänger überraschenderweise auch als Koryphäe an der elektrischen Gitarre. Er arrangiert und produziert zusammen mit dem angesagten Studiotüftler Brian Burton alias Danger Mouse einen Sound von enormer Vielschichtigkeit. Und er lässt diesmal alle stilistische Schüchternheit hinter sich.

Schon im Opener „Cold Little Heart“ - bei gut zehn Minuten Dauer ein staunenswert mutiger Song-Brocken zum Einstieg - verquirlt Kiwanuka den sinfonischen Soul der 70er Jahre mit Bombast-Rock à la Pink Floyd und dramatischen Spaghetti-Western-Sounds. Erst nach gut fünf Minuten tritt der Londoner als Sänger in diese fast surreale Klangkulisse - um den Hörer dann mit der Textzeile „Bleeding, I'm bleeding...“ umso stärker zu treffen. Schon jetzt ist klar: Hier traut sich einer was, überschreitet Grenzen und kehrt in den Texten sein Innerstes nach außen.

Das politisch aufgeladene, mit Motown-Streichern verzierte „Black Man In A White World“, später auch das wunderschöne „Father's Child“ lassen berühmte Referenznamen dann nur so purzeln: Marvin Gaye, Curtis Mayfield, Isaac Hayes, Richie Havens... Kiwanuka wird sich daran gewöhnen müssen, dass er - erst recht nach dem Tod von Prince - zum Hoffnungsträger der schwarzen Popmusik ausgerufen wird. Dass er jetzt gleich auch noch die Fans der (weißen) Black Keys erobern dürfte, kann ihm nur recht sein.

„Ich habe mit solchen Vergleichen kein Problem“, sagte er kürzlich einem Londoner Online-Magazin. „Solange ich bloß nicht selber denke, dass ich so großartig wie diese Leute bin. Aber die Vergleiche sorgen dafür, dass ich mich wirklich konzentriere.“ Diese ganz uneitle Konzentration auf jedes noch so kleine Kompositionsdetail, auf jede authentische Wah-Wah-Gitarre und jedes himmelhohe Chor-Arrangement hört man diesem Album an, ohne dass es damit streberhaft-altklug klingt.

Mit „Love & Hate“ gesellt sich Michael Kiwanuka zu innovativen Black-Music-Künstlern wie Janelle Monáe, Beyoncé oder D'Angelo - und zu den stärksten Balladensängern seiner Generation sowieso. Besser als im nicht einmal dreiminütigen, erschütternd traurigen „I'll Never Love“, dem verschachtelten „Rule The World“ oder dem abschließenden „The Final Frame“ kann man es nicht machen. Kiwanukas Soulmusik hat nichts mehr vom Bistro-Bar-Schubidu anderer Retro-Kollegen - er hat sich freigeschwommen.

Konzerte von Michael Kiwanuka im November: 9.11. Berlin, 10.11. München, 11.11. Zürich, 22.11. Köln.

dpa

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