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Nelly Furtado hat Inventur betrieben

Nelly Furtado hat Inventur betrieben

„The Ride“ heißt das neue Werk der Kanadierin und es sind Songs, die ihr wirklich am Herzen liegen

Sie hat gleich für ihren ersten Hit „I‘m Like A Bird“ vor 15 Jahren einen Grammy gewonnen und im Laufe ihrer mit Superhits wie „Promiscuous“, „Forza“ oder „Maneater“ gespickten Karriere viele Millionen von Alben verkauft. Nun, mit 38 und fünf Jahre nach ihrem letzten Album ist die in Toronto lebende Kanadierin mit portugiesischen Wurzeln wieder da. „The Ride“ ist keine Hochglanz-Produktion mehr, sondern eine vergleichsweise kleine, feine Sammlung von Songs.

Nelly, wo haben Sie gesteckt in den vergangenen Jahren?

Nelly Furtado: Ich habe eine lange und manchmal beschwerliche Reise unternommen – eine Reise in mein Innerstes. Man könnte sagen, dass ich die Inventur meines Lebens gemacht habe. Gerade als Entertainerin ist es ja so einfach und verlockend, immer weiter zu machen und nach vorne zu schauen. Man ist ein Zirkuspferd in diesem Beruf. Also hielt ich ganz bewusst inne, horchte in mich hinein und untersuchte mein Leben.

Was ist bei der Inventur herauskommen?

Dass mich eine Karriere als bloße Popmusikerin nicht mehr ausfüllt. Ich mache diesen Job seit 1998, brachte im Jahr 2000 mein erstes Album heraus und hatte sehr viel Erfolg. Ich kann mich wirklich nicht beschweren, und doch hinterließ die Arbeit eine erhebliche Leere in mir. Die Arbeit im Musikbusiness ist letztlich ein bisschen hohl. Und zugleich sehr zehrend und fordernd. Du rennst und rennst und gibst und gibst, irgendwann bist du leer und ausgebrannt, all deine Energie ist weg. So ging es mir. Ich musste mein Leben mit anderen Dingen ausfüllen.

Was haben Sie gemacht?

Wieder ein ganz normales Leben gelebt. Endlich wieder selbst mein Klo geputzt. Im Ernst, das war wie Meditation. Ich habe alles aus meinem Leben gestrichen, das nach Stress aussieht, ich wollte nur noch Dinge tun, die mir Freude machen. Und ich bin sehr neugierig, ich wollte neue Erfahrungen machen. Also bin ich zur Uni gegangen und habe Kurse in Drama und Drehbuchschreiben belegt. Im Moment schreibe ich an meinem ersten Theaterstück, das ist toll. Ich habe auch endlich gelernt zu nähen, und ich habe bei einem Zehn-Kilometer-Rennen mitgemacht. Alle diese Dinge haben meine Ängste gemildert und dafür gesorgt, dass ich mich besser, ausgeglichener fühle. Meinem Selbstvertrauen und auch meiner Selbstliebe hat die Zeit an der Uni sehr gut getan.

Trotz Ihrer Welthits litten Sie unter geringem Selbstvertrauen?

Ja. Ich war ein bisschen verloren nach meinem letzten Album „The Spirit Indestructable“. Nach 20 Jahren trennte ich mich von meinem Manager, plötzlich kümmerte ich mich selbst ums Geschäft, was mich erst einmal Überwindung kostete. Ich fühlte mich verloren, wusste auch musikalisch nicht so recht, wohin ich gehen sollte. Also versuchte ich, mich auf die einzige Sache zu verlassen, von der ich weiß, wie sie funktioniert: Songs schreiben. Ich flog nach England, um mit dem Komponisten zu arbeiten, mit dem ich einst „Broken Strings“ schrieb. Ich war so unsicher und traurig, ich dachte, was soll ich da überhaupt. Am nächsten Tag schrieben wir zusammen „Phoenix“, ein zartes Stück, das letzte Lied auf dem Album, und für mich das allerwichtigste. Ich hatte mir mit dem Lied selbst einen Rettungsring zugeworfen, an dem ich mich wieder aus meiner Depression herausziehen konnte .

Was haben Sie da über sich gelernt?

Dass mir Musik wahnsinnig viel bedeutet. Töne und Worte machen mich glücklich und friedlich, die Musik beseelt mich. Das war schon so, als ich klein war. Wir hatten ein altes Klavier im Esszimmer, ich verbrachte viele glückliche Stunden dort beim Spielen. Mehr denn je ist es so, dass ich die Songs für mich selbst singe und schreibe. Musik ist meine Medizin.

Das neue Album klingt nicht mehr nach kommerziellem Hochglanzpop, sondern erinnert an die frühe Nelly Furtado mit folkigen Songs wie „I’m Like A Bird“. Woran liegt das?

Diese natürliche Art liegt mir mehr. Und sie entspricht auch meinem Produzenten John Congleton, mit dem ich das ganze Album zusammen aufgenommen habe. John ist eher ein Alternative-Produzent, kein Mann für Mainstream-Pop. Er fand auch meine Songs am Anfang blöd und uninteressant. Er meinte „Nö. Das kannst du besser“. Dann ging ich auf eine Reise nach Kenia und schrieb dort drei Nummern, die ihm gefielen.

Was haben Sie in Kenia gemacht?

Ich unterstütze seit Jahren die Organisation „Free The Children“, die jetzt „we.org“ heißt. Wir haben Projekte, bei denen Jugendliche in Entwicklungsländer gehen, dort mit Kindern arbeiten und, kurz gesagt, die Welt verbessern wollen. Meine Tochter Nevis ist 13 und war schon drei Mal mit mir in Kenia. Sie hat dort wunderbare junge Frauen kennengelernt, die trotz aller Widrigkeiten etwas im Leben erreicht haben.

Neue Stücke wie „Sticks And Stones“ oder „Palaces“ sind Loblieder auf den Feminismus.

Ja. Befreiung, Selbstbestimmung, Gleichberechtigung, das sind Themen, die mir wichtig sind. Ich wurde in eine feministische Familie hineingeboren, meine Oma, meine Mutter, das sind starke und überzeugende Vorbilder. Großartige Frauen, lustig und voller Lebensdurst. Ich denke, der tagtägliche Kampf gegen Diskriminierung, so unfair das auch ist, macht Frauen stark.

Interview: Steffen Rã¼th

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