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Prachtvolles Herbst-Album von Van Morrison

Keep Me Singing Prachtvolles Herbst-Album von Van Morrison

Ein kleiner, oft muffelig wirkender Mann mit einer der größten, strahlendsten Stimmen der Popmusik: Van Morrison vereint Gegensätze. Sein neues Album fordert: „Lasst mich nur singen!“. Die Melodien sind prachtvoll - Morrisons Stimmung ist es eher nicht.

Berlin. Seit Juni 2015 darf er sich, nach der Erhebung in den Adelsstand durch die Queen, nun also Sir George Ivan „Van“ Morrison nennen. Seine berühmt-berüchtigte schlechte Laune hat das kaum aufgehellt, wie das Geschimpfe in einem Radiointerview erst kürzlich offenbarte.

Dabei hätte der inzwischen 71-jährige nordirische Musiker, für viele der beste weiße Blues- und Soul-Sänger überhaupt, eigentlich allen Grund für gute Stimmung. Übrigens auch angesichts einer gelungenen aktuellen Platte, mit der Van Morrison zwar nichts wirklich Neues bietet, das Bewährte aber in herausragender Form.

Die 13 Lieder auf „Keep Me Singing“, darunter zwölf aus eigener Feder, spiegeln passend zur Jahreszeit ihrer Veröffentlichung den Karriereherbst eines der größten Songschreiber der Popmusik wider. Denn herbstlich klingen das siebenminütige „Out In The Cold Again“, die an irische Volksmusik erinnernde Ballade „Memory Lane“, das in Erinnerungen an weit zurückliegende Zeiten schwelgende „In Tiburon“. Songs wie langsam herabschwebende goldbraune Blätter - wunderschön und zugleich tief melancholisch.

Zwar sind mit „The Pen Is Mightier Than The Sword“ und „Going Down To Bangor“ auch Uptempo-Nummern auf dem nach offizieller Zählung 36. Studioalbum von Van Morrison vertreten. Und zum Schluss bläst der Mann aus Belfast für das tatsächlich sehr beschwingte Instrumental „Caledonia Swing“ gleich selbst ins Saxofon. Doch insgesamt bleibt die Stimmung dieser Platte, im Gegensatz zum zupackend jazzigen Vorgänger „Born To Sing: No Plan B“ (2012), nachdenklich-verhalten.

Der Sänger spart sich deshalb auch alle Versuche, die weiterhin spürbare Urgewalt seines Gesangs wie einst voll auszureizen. Vielmehr gleitet Morrisons Stimme in der Manier eines Nachtclub-Crooners elegant und entspannt durch die mit Streichern und Bläsern ausgepolsterten Harmonien - man kann sich gut vorstellen, dass der korpulente Anzugträger bei den Aufnahmen von „Keep Me Singing“ zu keiner Sekunde ins Schwitzen geraten ist.

Diese körperliche Zurückhaltung bei hoch emotionalem Vortrag war schon vor gut 40 Jahren typisch für Morrison, wie eine im Juni erschienene, erweiterte Neuveröffentlichung seines legendären Live-Albums „It’s Too Late To Stop Now“ von 1974 zeigt. Ein Videomitschnitt aus dem Londoner Club „Rainbow“ präsentiert den Sänger als schweigsamen Frontmann, der seine formidablen Bandmusiker kaum anschaute und selbst das unerwartete Auftauchen seiner kleinen Tochter Shana auf der Bühne mit stoischer Nichtbeachtung quittierte.

Ein seltsamer Kauz war dieser Künstler also wohl schon immer, der seit Mitte der 60er Jahre - zunächst mit der Band Them, danach mit dem bahnbrechenden Folk-Jazz-Solodebüt „Astral Weeks“ - unter Genieverdacht steht. Ungefähr so lange schleppt Morrison auch schon das Gefühl mit sich herum, von klischeebeladenen Kritikern und Plattenfirmen (für ihn „Feindesland“) missverstanden zu werden - was die miese Laune nur noch verstärkt.

„Es ist leider so: Die meisten Labels zucken bei Künstlern meines Alters nur müde mit den Schultern, wenn wir ihnen neue Songs vorspielen“, sagte er jetzt im „Zündfunk“-Interview des Bayerischen Rundfunks. „Ich fühle mich immer mehr als Jazzer und nicht als Rock’n’Roll-Typ. Jazz als Abgrenzung von der Pop-Maschine, das ist meine Philosophie.“ Auch sei das Songschreiben „immer schwieriger mit der Zeit. Als ich noch jünger war, war ich noch viel idealistischer. Ich habe immer einen gewissen Rahmen benutzt. Und mich an meinen Vorbilder abgearbeitet.“

Bei aller muffeligen Bescheidenheit: Morrison hat natürlich längst einen sehr eigenen Stil gefunden, seine Melodien und sein Gesang sind unverwechselbar, auch jetzt wieder auf „Keep Me Singing“. So darf er - trotz der seit vielen Jahren ausbleibenden Weiterentwicklung - gern noch ein Weilchen weitermachen. Und das wird er wohl auch tun: „Ich habe keine andere Wahl, ich muss Musik machen. Ich hab' das im Blut.“

dpa

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