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Radiohead: Klanggemälde für Kopf-Hörer

Berlin Radiohead: Klanggemälde für Kopf-Hörer

Kopfhörermusik für große Stadien - die Rockband Radiohead hat mit ihren vielschichtigen Alben diesen Gegensatz oft überbrückt. Auf „A Moon Shaped Pool“ sind die Klanggemälde der Briten so zart und intim geraten wie noch nie. Ein wunderschönes Werk - fast ohne Beats.

Berlin. Überall Streicher - oft üppig, manchmal auch nur dezent im Hintergrund. Traurig tröpfelnde Klavierklänge, hier und da ein sanft verschachtelter Rhythmus. Und dann natürlich diese klagende Stimme des Sehnsuchtsängers Thom Yorke, die man unter Tausenden heraushört.

Ja, dies sind eindeutig noch Radiohead (und nicht etwa Stadion-Konkurrenten wie Coldplay oder Muse). Dennoch ist „A Moon Shaped Pool“ insgesamt wieder mal anders als alles, was diese immer noch wichtigste Indierock-Gruppe der Welt bislang gemacht hat.

Das nach kurzer Vorwarnzeit am Sonntagabend auf der Band-Webseite digital veröffentlichte neunte Studioalbum der fünf Briten wendet sich ab von den abstrakten, unterkühlten Häcksel-Beats der direkten Vorgänger „In Rainbows“ (2007) und „The King Of Limbs“ (2011). Erst recht ist die Progressive-Rock-Wucht des Jahrzehnt-Meisterwerks „OK Computer“ (1997) für Radiohead Geschichte („Identikit“ mit einem schrägen Gitarrensolo am Schluss enthält noch Spurenelemente davon). Anknüpfungspunkte liefern nun eher Melancholiker wie David Sylvian oder Nick Drake (etwa im Folk von „Desert Island Disk“)

Möglicherweise begründen Yorke & Co. mit diesem fast 53 Minuten langen, in Melancholie und Schönheit schwelgenden Werk eine neue Band-Ära. Es klingt so, als könnte die nächste Radiohead-Phase dann vom großen Klangmaler Jonny Greenwood geprägt sein. Der exzellente Gitarrist hatte sich zuletzt als Soundtrack-Komponist für Filme des Hollywood-Regisseurs Paul Thomas Anderson („There Will Be Blood“, „The Master“, „Inherent Vice“) hervorgetan. Die dabei erworbenen Arrangement-Künste prägen „A Moon Shaped Pool“ - mit vielen positiven Konsequenzen und einer (für manche Fans) vermutlich negativen.

Denn man vermag sich diese feingliedrige Musik, diese oft ohne Refrain auskommenden Lieder nicht so recht in den Stadien und auf den großen Festivalbühnen vorstellen, wo Radiohead auch in diesem Sommer wieder auftreten. Lautes Mitsingen war ja schon früher nicht angesagt bei Konzerten des Intellektuellen-Quintetts aus Oxford. Aber traumverlorene Balladen wie „Daydreaming“, „Decks Dark“ oder das fantastische „The Numbers“ sind wirklich reines Kopf-Hörer-Futter.

Selten klang Phil Selways Schlagzeug so wenig nach Rock (und so sehr nach Ambient, auch nach Jazz) wie diesmal. Der Mann droht gelegentlich zu verschwinden in diesen hauchfeinen Klanggespinsten. Zu seiner Ehrenrettung gibt es immerhin das treibende „Ful Stop“.

Radiohead haben mit „A Moon Shaped Pool“ ein extrem ruhiges und beruhigendes Album aus einem Guss geschaffen, dem wohl ganz bewusst das nervig Nerdige, das Anstrengende, damit aber auch die Abwechslung früherer Werke fehlt. Im Gegensatz zu einem missglückten Versuch mit „Jeder zahlt, was er will“ vor einigen Jahren müssen die Fans diesmal stolze 11,50 Euro fürs Herunterladen der elf Songs hinblättern - es werden also noch nennenswerte Verkaufszahlen zu den bisher schon gut 30 Millionen Tonträgern hinzukommen.

Ob die fünf stets ohne Star-Gehabe auskommenden Musiker erneut ein Album für die Jahresbestenlisten oder gar für die Ewigkeit geschaffen haben - wer weiß das schon. Radiohead-Platten wachsen bekanntlich mit jedem Hören. Auch diese hier bietet viel Anlass zu ausgedehnten Sound-Entdeckungsreisen. Und solch spannende Angebote kann kaum eine andere Rockband mit über 25 Jahren auf dem Buckel machen.

dpa

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