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Radiohead: Überraschend sanft

Radiohead: Überraschend sanft

Mit „A Moon Shaped Pool“ veröffentlichen die Briten ein ungewohnt ruhiges Album – vorerst nur online

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Haben quasi „über Nacht“ ihre neue Platte herausgebracht: die britische Band Radiohead.

Quelle: promo

Stille. Kein Wort mehr von Radiohead. Und jetzt plötzlich ein Album. Die fünf Briten haben „A Moon Shaped Pool“ veröffentlicht. Ihr neuntes Studiowerk, ihr erstes Album seit fünf Jahren. Eine Überraschung von einer Band, bei der die Überraschung seit jeher zum Konzept gehört – in einem Geschäft, dessen Verkäufer und Konsumenten die musikalische Überraschung seit Jahrzehnten hassen. Bands und Künstler in Rock und Pop sollen die immer gleiche, bewährte Masche häkeln. So geraten Neuerungen meist nur zaghaft klein. Der Belgier Milow etwa, der auf seinem brandneuen Werk seinen Folk gerade elektronisch färbte, zeitigt damit nur noch zarte, plastikhafte Langeweile.

Quintett aus Oxford

Die Rockband Radiohead hat sich 1985 in Oxford (England) gegründet und besteht aus Thom Yorke, Jonny Greenwood, Colin Greenwood ,

Ed O’Brien und Phil Selway .

Eine Woche vor „A Moon Shaped Pool“, dessen nicht terminiertes Erscheinen seit Monaten erwartet wurde, kam „Burn the Witch“, Radioheads kraftvolle erste Single mit einem putzigen Puppenvideo in Lolek-&-Bolek-Manier. Gezeigt wurde eine dörfliche Gemeinschaft in pastellbunten Farben. Ein Idyll, das von einer Art Menschenrechtskontrolleur besucht wird, der feststellt, dass es auf der Insel der Nettlinge hübsche, blumenumkränzte Pranger und Galgen gibt und der – eine Hommage an den Horrorfilm „The Wicker Man“ von 1973 – im Bauch eines hölzernen Riesen verbrannt wird. Radiohead scheinen von den neuen Nationalismen und Rechtsrucken in der Welt zu künden, die ein Paradies für die Einverstandenen versprechen, schwere Zeiten für Widersprechende und Ausgrenzung für die Fremden. Als Statement zur Flüchtlingskrise bezeichneten Sänger Thom Yorke und seine vier Mitstreiter Song und Video auf Nachfrage. In der Folge erwartete man ein eindrucksvolles, möglicherweise lärmendes Album. Aber Uptempo ist kaum einer der stumpf in alphabetischer Reihenfolge gelisteten Songs. Zumindest sieht man in den Balladen die bösen Zeiten gespiegelt. Die Umwelt ist ruiniert, die Politik geht rückwärts, die Liebe ist passé, die Zeitgenossen trotten einher in schafsgleicher Gedankenlosigkeit. Furcht und Einsamkeit regieren, ein Ausweg ist schwerlich zu finden. Hinter dem romantischen Titel verbirgt sich ein nachtgraues, nur dünn mondbeschienenes Werk. „Du hast wirklich alles kaputt gemacht“, klagt Thom Yorke in „Ful Stop“, einem der wenigen schnelleren Stücke. Man sei über den „Punkt ohne Wiederkehr hinaus“, der „Schaden ist unwiderruflich“ barmt er in „Daydreaming“.

Die Welt und das Private bluten freilich ineinander und von wem oder was sich der Ich-Erzähler in „Identikit“ genasführt und betrogen wähnt, bleibt offen. Ein großzügiger Schuss Kryptik gehört ebenso zu Radiohead wie Yorkes hypnotische Stimme. Der 47jährige Sänger hatte sich 2015 nach 23 Jahren „einvernehmlich und in Freundschaft“ von seiner Lebensgefährtin Rachel Owen getrennt. So ist man geneigt, Zeilen wie das traurig wiederholte „mein halbes Leben“ in „Daydreaming“ und das bedauernde „Wird all diese Liebe vergeblich gewesen sein?“ im bossa-nova-artigen „Present Tense“ als persönliche Bekenntnisse zu nehmen. Muss man aber nicht. „Verlass mich nicht! Verlass mich nicht!“ heißt es in dem das Album beschließenden Liebeslied „True Love Waits“. Aber bevor man Yorke jetzt mit dem Gwyneth Paltrow hinterher heulenden Coldplay-Sänger Chris Martin in einen Sauertopf wirft – der Song ist 15 Jahre alt, erschien 2001 schon einmal auf der Live-EP „I Might Be Wrong“.

Der Sound ist sanfter denn je. Yorke findet reizvolle Melodien, die Gitarrist und Soundtrack-Komponist Jonny Greenwood („This will be Blood“, „Inherent Vice“) in Akustikgitarren, Keyboards, Perkussion und Streicher hüllt. So ist „A Moon Shaped Pool“ vielleicht das wohligste Radiohead-Album, seit die fünf Oxforder Anfang der 90er Jahre mit dem Album „Pablo Honey“ und dem Indie-Hit „Creep“ reüssierten. Und vor allem diese Sanftheit ist eine Überraschung, unterläuft die Erwartungen. Durchdacht bis in den letzten nebelverhangenen Pianoakkord von „Glass Eyes“, ist dies Radioheads Psychedelic-Folk-Album, akustische Untiefen auslotend, wie die Vorbilder Pink Floyd auf ihrem unterschätzten „Obscured by Clouds“ von 1972, dem Vorgänger des wohl berühmtesten Mondalbums – „Dark Side of the Moon“.

Von Matthias Halbig

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