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Radiohead erreichen höchsten Reifegrad

Berlin Radiohead erreichen höchsten Reifegrad

Nun, da sich der Hype-Rauch um Radioheads neuntes Album ein wenig verzogen hat, lässt sich seriös Bilanz ziehen.

Berlin. Nun, da sich der Hype-Rauch um Radioheads neuntes Album ein wenig verzogen hat, lässt sich seriös Bilanz ziehen. Die fällt ebenso aus wie am Anfang: „A Moon Shaped Pool“ ist ein Meisterwerk - selbst für die Verhältnisse dieser großen Band.

Knapp sechs Wochen nach der digitalen Veröffentlichung steht die Platte nun endlich auch als CD und Vinyl in den Läden (XL/Beggars/Indigo). Im September erhält dann eine begrenzte Zahl von Edelfans per Radiohead-Versand die opulente Limited Edition mit Zusatztracks. Es reichen aber auch die elf Lieder des regulären Albums, um zu einem euphorischen Urteil zu kommen.

Angefangen bei den an Hitchcocks „Psycho“ erinnernden Stakkato-Streichern des Openers „Burn The Witch“ über die Art-Rock-Pracht von „The Numbers“, von der alles mit sich reißenden Krautrock-Ekstase in „Ful Stop“ bis zum traurigen Solo-Klavier der Schlussballade „True Love Waits“: Diese mit ihrer Melancholie und auch Abgründigkeit tief bewegende Platte reiht sich ein unter den allerbesten der fünf Briten.

Und das will etwas heißen, befinden sich darunter doch Schlüsselwerke der vergangenen zwei Jahrzehnte wie „OK Computer“ (1997), „Kid A“ (2000) oder „In Rainbows“ (2007). Ein so phänomenales Radiohead-Album wie „A Moon Shaped Pool“ ist damit automatisch ein Kandidat für die Jahresbestenlisten - und in diesem Fall gewiss nicht für Platz 15...

Unmittelbar auf Rang 1 der offiziellen Charts landete schon das am 8. Mai nach kurzer Vorwarnzeit über die eigene Webseite veröffentlichte digitale Album - unter anderem in den USA, Großbritannien, der Schweiz und Norwegen. Seltsam, dass hierzulande nur der 13. Platz heraussprang - oder aber ein Zeichen  dafür, dass Deutschland immer noch ein sehr starker Markt für CD-Verkäufe ist. Warten wir's ab.

Wie dem auch sei: „A Moon Shaped Pool“ dürfte sich für niemanden abgenutzt haben, der das Album seit dem Download am Abend des 8. Mai schon oft gehört hat. Ungeheuer vielschichtig, mit enormer Liebe zum Detail haben Radiohead diese Songs - wieder unter der Regie ihres Stammproduzenten Nigel Godrich - in London und in der Provence aufgenommen.

Jeder noch so feine Piano- und Gitarren-Sound, jede noch so kleine Schlagzeug-Raffinesse, jeder markerschütternde Bass-Ton, jedes subtile Orchester- und Chorarrangement (ein wichtiger Trumpf dieser Platte!) - alles sitzt an der passenden Stelle. Und doch wirkt hier nichts überproduziert. Ein Album für konzentrierte Zuhörer, auch für Kopfhörer.

Radiohead-Musik konnte ja auch schon mal arg „verkopft“ rüberkommen, also selbstherrlich, nerdig, nervig. Nichts davon auf „A Moon Shaped Pool“. Die inzwischen allesamt im mittleren Alter befindlichen Herren aus Oxford haben dafür einige der schönsten, zugänglichsten Melodien ihrer Karriere gefunden. Teilweise sind es bereits vor Jahren live präsentierte Lieder, die erst im Kontext dieser Platte so richtig funkeln und leuchten. 

Zudem ist Thom Yorke, für manche Hörer mit exaltiertem Gesangsstil zwischen Falsett-Flehen und sehnsüchtigem Wimmern ein schwieriger Vertreter seiner Zunft, in absoluter Bestform. Wohl noch nie hat der äußerlich struppige Radiohead-Frontmann so uneitel und effektiv performt wie auf dieser neuen Platte. Wer Yorke bisher noch nicht zu den herausragenden Sängern seiner Generation zählte, muss umdenken.

Einige Kritiker haben moniert, „A Moon Shaped Pool“ füge dem Kanon dieser Band erstmals nichts Neues hinzu. Abgesehen davon, dass der abstrakte Elektro-Sound der Vorgänger „The King Of Limbs“ und „In Rainbows“ ausformuliert war - eine Weiterentwicklung als Selbstzweck bringt Künstlern wenig, das wissen auch Yorke und Co. Und so präsentiert sich ihr seit 30 Jahren bestehendes Fünf-Freunde-Projekt nun im Zustand höchster Reife und ultimativer Faszinationskraft.

Viel wurde bereits geschrieben über den Hintergrund mancher Songs, über die dort teilweise drastisch beklagte Trennung Yorkes von seiner Frau nach 20 Jahren. Das muss man aber gar nicht wissen - Tracks wie das herzergreifend schöne „Daydreaming“ (mit einem Video von Hollywood-Regisseur Paul Thomas Anderson), das elegische „Glass Eyes“, die pastellfarbene Nick-Drake-Hommage „Desert Island Disk“ oder „Tinker Tailor Soldier Sailor Rich Man Poor Man Beggar Man Thief“ versteht man auch so in all ihrer schwermütigen Grandezza.

Yorke drückt „A Moon Shaped Pool“ also wie üblich (und doch anders als sonst) seinen Stempel auf. Die zweite Hauptfigur ist Gitarrist und Klangzauberer Jonny Greenwood, der seine ganze Kompetenz und Sensibilität als Filmmusik-Komponist einbringt. Man darf vermuten, dass dieser Musiker auch die nächsten Radiohead-Alben dominieren wird.

Falls es sie denn überhaupt noch gibt. Irgendjemand hat errechnet, dass die Band jetzt genau 100 Songs veröffentlicht habe und dass sich mit der Verwertung älteren Materials das selbst gewählte Ende von Radiohead in Würde - auf einem kreativen Höhepunkt - abzeichne. Oder um es mit einem ihrer Songtitel zu sagen: „How To Disappear Completely“.

Das wäre natürlich extrem schade nach einem so monumentalen Album. Andererseits wäre es ein freiwilliger Abtritt, wie ihn nur die Beatles hinbekommen haben. Und in dieser Liga der legendären, eine Ära definierenden Bands spielen Radiohead inzwischen ja selbst.

dpa

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