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Rückkehr des Rockers

Rückkehr des Rockers

Sting klingt auf „57th & 9th“ energisch wie zuletzt bei seiner alten Band The Police

S ting rockt. Zwei Worte Seit an Seit, die einander schon lange meiden. So unglaublich wie: Moos kratzt. Oder: Teletubby beißt. Wann hat der britische Sänger und Bassmann das zuletzt getan? Gerockt. Als er noch in diesem Trio spielte, das sich nach staatlicher Exekutive benannte, The Police, und damals, tief in den siebziger Jahren, Songs mit Reggae-Rhythmen und angepunkten Gitarren ablieferte: „Roxanne“, „So lonely“ Die erste Solosingle „If You love Somebody“ ließ 1985 noch ein Echo jener frühen Energie hören. Aber danach? Rock? Nimmermehr.

Na ja, vereinzelt schon. Auf der Tour zu „The Soul Cages“ ließ der heute 65-Jährige Jimi Hendrix’ „Purple Haze“ in die Saalnächte krachen und die Reunion-Stadionkonzerte von Police hatten vor sieben, acht Jahren sogar beinahe etwas Hardrockiges, geschuldet vor allem der Rückkehr von Police-Gitarrist Andy Summers zu seinen Wurzeln (die Punks hatten The Police nie über den Weg getraut).

Ansonsten lieferte Sting meist Musik für angejahrte, anspruchsvollere Popliebhaber: Angejazztes, feine, filigrane Balladen (von „Russians“ über „Fragile“ bis „Fields of Gold“), eher fade R&B-Versuche (das Album „Sacred Love“), zarte, akustische Jahresendzeitgespinste („If on a Winter’s Night“) und die Renaissance-Klänge der auf dem Label Deutsche Grammophon veröffentlichten Platte „Songs from the Labyrinth“. 400 Jahre alte Lieder – leise zur Laute.

Und jetzt: Laute Lieder! So jedenfalls wurde es im September. Beides – Rock und Roll, so verriet der Sänger Ende August bei einer VIP-Session im kalifornischen Valley Performing Arts Center, „ist Teil meiner DNA“.

„57th & 9th“, benannt nach einer New Yorker Straßenkreuzung auf Stings Weg zum Studio, heißt sein zwölftes Studioalbum, das seit Freitag auf dem Markt ist und das diese genetische Botschaft bekräftigen soll. Der erste Vorbote, die Single und der Albumöffner „I can’t stop thinking about You“ kommt mit druckvollem Schlagzeug und schimmernder Jingle-Jangle-Gitarre auf ein angezogenes Mitteltempo. Derart vorwärts wie dieses Stück Gitarrenpop mit seiner hübschen Melodie und dem kreidigen Gesang ging zwar schon lange kein Sting-Song mehr. Ungestüm würde man ihn aber nicht nennen wollen. „Petrol Head“ dagegen schon – ein Lied das mit einer quengelnden, kieksenden Rockgitarre beginnt und wie abgerissen endet. Dass Sting zu diesem bockbeinig-bluesigen Stomper die endlosen Highways und das (hoffentlich weiterhin erhalten bleibende) amerikanische Freiheitsgefühl inspiriert haben, ist deutlich hörbar.

„50 000“ ist ein Hybrid aus mitgrölbarer Stadionhymne (Refrain) und twangendem Police-Track aus der Spätphase von „Synchronicity“ (Strophen), ein Abschiedssong für den im April verstorbenen Prince.

Was Sting außer rocken will? Botschaften verbreiten, Betroffenheit erzeugen – überzeugt von den Wandlungskräften der Popmusik. So singt er über Soldaten und den Klimawandel oder – in dem orientalisch verschnörkelten „Inshallah“ – versetzt sich in die Flüchtlinge auf ihren heillos überfüllten, maroden Booten im Mittelmeer hinein. „Ich könnte ein Vater und Ehemann mit meiner Familie in einem dieser Boote sein“, sagte er jüngst in einem Interview. Empathie ist ihm der simple Grundstein einer Lösung der sogenannten „Flüchtlingsproblematik“, etwas, das vielen im satten Europa abgeht.

Für Kuschelrockfreunde unter den Sting-Fans: Auch die Balladen sind wieder so melodiös wie früher: „Empty Chair“ könnte einen Platz unter seinen besten Ohrbeschmusern einnehmen.

Aber sie sind in der Minderzahl gegenüber den Energielieferanten, deren Kraft sich laut Sting der Kürze der Sessions verdankt. Hätte er in New York mehr Zeit gehabt, so mutmaßt er, wäre etwas deutlich Verspielteres herausgekommen. Wird das also doch noch was mit der Aufnahme in die Rock’n’Roll Hall of Fame? Für 2017 ging die Nominierung wieder mal an Sting vorbei, im Verbund mit The Police wurde er allerdings schon 2003 in den Ruhmestempel in Cleveland aufgenommen. Sting rockt – relativ, und wer jetzt fragt, für wie lange, der fragt falsch. Denn der wahre Künstler tut stets, was ihm triftig erscheint. Diesmal könnte es immerhin für ein paar Hits reichen.

Am 12. November hat Sting mit dem neuen Stoff erst mal das Pariser Bataclan eröffnet. Diesen Grund und Boden hat die Musik vom Islamischen Staat zurückerobert.

Album „57th and 9th“ (A&M/Universal), seit 11. November im Handel

Matthias Halbig

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