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Shura: Stadionpop aus dem Schlafzimmer

Shura: Stadionpop aus dem Schlafzimmer

Die in London lebende Musikerin Shura hat ihr Debüt-Album „Nothing’s Real“ veröffentlicht / Sie serviert melodischen, leicht R&B-beeinflussten Achtziger-Jahre-Synthie-Pop

Ihr Manager, so erinnert sich Shura, habe mal zu ihr gesagt, dass sie aussehe wie Kurt Cobain und singe wie Kylie Minogue. „Das ist eine tolle Beschreibung“, sagt Shura, „mit der ich wunderbar leben kann.“

Shura, die im Juli ihr Debütalbum „Nothing’s Real“ veröffentlicht hat, regt sich auf. „Ist es nicht erbärmlich schwach, wie sich Musiker oder auch die ganzen Fußballer über den Brexit äußern? Was ist denn das für eine Nicht-Haltung? ‚Ich bin nur ein Popstar, ich habe von Politik keine Ahnung und weiß nichts über die EU?‘ Hallo? Auch ein junger Mensch darf sich gern eine Meinung bilden. Für viele Kids ist genau das der Weg zu eigenem Interesse an wichtigen Themen, wenn ihre Stars Stellung beziehen. Wir sind mitverantwortlich für die Ansichten von anderen, ob wir das nun wollen oder nicht.“

Shura, eigentlich Aleksandra Lilah Yakumina-Denton (24), als Teenager Fußballerin bei Manchester City sowie Tochter eines englischen Dokumentarfilmers und einer russischen Schauspielerin, ist aufgebracht. Denn der Brexit macht die in London lebende Musikerin fertig. „Ich kenne niemanden, der für den Austritt aus der EU war, wirklich niemanden. Wir haben als Nation versagt, wenn sich die Mehrheit der Bevölkerung dagegen ausspricht, Teil einer wichtigen Gemeinschaft zu sein. Ich schäme mich.“

Shura zieht nach der Schule ein Jahr durch Südamerika, das Songschreiben bringt sie sich im Regenwald bei, später studiert sie Literatur in London und singt in einer Band, bevor sie sich vor drei Jahren selbstständig macht. „Ich bin stolz darauf, mit 20 in einen Teil der Welt gegangen zu sein, von dem ich nichts wusste. Wir sollten Neugier und Offenheit in den Menschen fördern, anstatt Zäune zu bauen und alles da draußen Mist zu finden.“

Und dann Orlando, der Massenmörder im Homosexuellenclub Pulse. Shura lebt offen lesbisch seit sie 16 ist, in ihren Videos zu „Touch“ und „What’s It Gonna Be“ zeigt sie Liebesgeschichten außerhalb des üblichen Junge-Mädchen-Kosmos, und sie hat sich mit ihrer Vorbildfunktion („Ich habe den Pfad des Aktivismus nicht bewusst beschritten, ich zeige nur auf ehrliche Weise mein Leben“) gut arrangiert.

Sie sagt, sie sei verwundert gewesen, dass die Attacke – verglichen mit denen in Paris oder Brüssel – in Europa wenig Wirbel ausgelöst habe und fragt sich, ob es damit zusammenhängt, dass es zumeist Schwule getroffen habe. „Viele Fortschritte sind gemacht worden, aber Toleranz und Gleichberechtigung sind keine Einbahnstraßen. Was wollen wir denn mit Typen wie Donald Trump und Boris Johnson, wohin sollen uns diese zwei Wahnsinnigen denn bitte führen?“

Das Album von Shura klingt groß und großartig, obgleich sie es im heimischen Ein-Zimmer-Apartment am Laptop zusammengebastelt hat. Mit ihrem melodischen, R&B-beeinflussten Achtziger-Jahre-Synthie-Pop, der nach Haim, nach Janet Jackson, nach Ellie Goulding, ganz besonders aber nach der Madonna der „Papa Don’t Preach“-Ära klingt, brachte Shura seit dem Jahr 2014 die Soundcloud- und Youtube-Jünger zum Jubeln. Weitere musikalische Einflüsse, so bekennt Shura, seien etwa Phil Collins, Mariah Carey und Whitney Houston. „Hip zu sein bedeutet mir überhaupt nichts“, sagt Shura wenig überraschend. „Ich möchte lieber, dass meine Musik die Leute ein bisschen berührt.“

Steffen Rüth

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