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00:00 07.12.2017

Taugen die Superrocker U2 als Idole? Ihr 14. Studioalbum „Songs of Experience“ (gerade erschienen), ist geprägt von Liedern über die Zerbrechlichkeit des eigenen Lebens. Es ist eine sensible, bewegende Platte, vielleicht die beste seit „All That You Can’t Leave Behind“ aus dem Jahr 2000. Doch leider hallen beim Hören wieder einmal Zweifel an der Glaubwürdigkeit von Sänger Bono und seiner Band mit.

In den 70ern gegründet

Die irische Rockband hat sich 1976 in Dublin gegründet. Aktuell gehören zu ihr Paul David „Bono“ Hewson (Leadgesang, Rhythmusgitarre, Mundharmonika), David Howell „The Edge“ Evans (Leadgitarre, Keyboard), Larry Mullen junior (Schlagzeug) und Adam Clayton (Bass).

U2 haben die USA immer bewundert, wegen Elvis und der Soulmusik und wegen des amerikanischen Versprechens, dort uneingeschränkt nach Glück streben zu können. Mit ihrem neuen Song „American Soul“ prangern sie die unverschämt Reichen und Rücksichtslosen an, die diese Idee attackieren, die Lügner, Angstmacher und Trickser. Sie beklagen einen Verlust an Menschlichkeit im Land des Ego-Präsidenten Donald Trump.

Amerika, was ist aus deinen Idealen geworden? Der Song stellt die richtige Frage, doch eine zweite drängt sich auf: U2, was ist aus den eigenen Idealen geworden? Die irischen Musiker waren Band-Aid-Aktivisten, sie haben sich schon immer für soziale Gerechtigkeit eingesetzt.

Doch sie gelten auch als Steueroptimierer, seitdem sie vor Jahren ihre Songrechte an ein von ihnen gegründetes Unternehmen in den Niederlanden übertragen haben, wo niedrigere Steuern für Tantiemen anfallen. Durch die jüngsten Enthüllungen der „Paradise Papers“ ist bekannt geworden, dass Bono über Briefkastenfirmen in Malta und Guernsey an einem Einkaufszentrum in Litauen beteiligt ist. Dort sollen Unternehmensgewinne am Fiskus vorbeigeschleust worden sein.

Bono ist wohl beides, ein einfühlsamer Songschreiber und ein cleverer Geschäftsmann; beides schließt sich auch nicht aus. Doch wie unabhängig sind Künstler, die sich mit dem Apple-Konzern verbündeten für die „größte Albumveröffentlichung aller Zeiten“? „Songs of Innocence“, die Zwillingsplatte zu „Songs of Experience“, hatten alle iTunes-Kunden vor drei Jahren automatisch als kostenlosen Download erhalten.

Damals hatten die vier Iren an ihre Jugend im kalten Dubliner Regen erinnert. Groß sind die Erwartungen von jungen Menschen. Heute sind die Musiker Mitte 50 und haben ihre Unschuld, ihre kindliche Naivität von einst und so manche Träume eingetauscht gegen einen Ozean an Erfahrungen – und Enttäuschungen.

In „Love Is All We Have Left“, dem ersten Stück des neuen Albums, fragt sich das einstige Kind, wann die jugendliche Unbeschwertheit wohl verloren gegangen ist, es hadert mit der Ausweglosigkeit des Erwachsenseins, mit der Erkenntnis, dass das Leben doch nicht unendlich ist, dass nicht alles immer gut wird.

Der Schlüsselsong des Albums, „The Little Things That Give You Away“, beschreibt, wie die Zeit verrinnt und die Liebe verblüht. Plötzlich ist es kalt, zwei Menschen haben sich verloren. Die glitzernde Echo-Gitarre von Edge erinnert an das längst vergangene Glück. „Manchmal fühle ich nur Wut und Kummer, bin weit davon entfernt, an irgendetwas zu glauben“, singt Bono wie ein Verzweifelter, und in der stadiongroßen Softrocknummer „You're The Best Thing About Me“ stellt er fest: „Die besten Dinge sind ganz leicht zu zerstören.“ Man kennt das selbst: Manchmal steht man sich selbst im Weg. Manchmal verletzt man die, die man liebt.

Das Album beginnt mit einem Sonnenuntergang, dann wird es traurige Nacht, doch am Ende zündet jemand eine Kerze an. Der letzte Song, „13 (There Is A Light)“ ist ein Plädoyer dafür, nicht aufzugeben, sondern für Liebe und Glück weiter zu kämpfen. Und so wird aus einem Stadion voller Schmerz ein Stadion voller Hoffnung. Typisch U2.

Und, sind die Iren nun entrückte Eliterocker? Eine Dubliner Zeitung hat ihre Haltung zur Band bereits überdacht. Bono besingt in „Summer of Love“ ein Sehnsuchtsziel, einen Ort der Sorglosigkeit. Er liegt an der amerikanischen „west coast, not the one that everyone knows“. „Vielleicht“, spottet der Musikkritiker der „Irish Times“, „besitzt Bono ja eine Privatinsel an der Westküste, von der niemand von uns bisher gehört hat, wo er sich voll auf seine Finanzen konzentrieren kann.“

Mathias Begalke

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