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Musik „Wir sind Typen wie Störtebeker“
Nachrichten Kultur Musik „Wir sind Typen wie Störtebeker“
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00:00 16.06.2016

Explosionen, Feuersäulen, selbst gebastelte Ritterkostüme und Gaunerpoesie von François Villon: In Extremo ist eine von Deutschlands erfolgreichsten Mittelalter-Rockbands. Die sieben Musiker aus Berlin um Sänger und Multiinstrumentalist Michael Robert Rhein schmücken sich mit fantasievollen Namen, wie Flex der Biegsame oder Das letzte Einhorn. In ihrem Album „Quid Pro Quo“ treffen druckvolle Gitarrenriffs auf eingängige Refrains und exotische Instrumente von Trumscheit bis Saz.

Ihr bezeichnet euch als Brüder des Klaus Störtebeker. Dieser legendäre Pirat machte Ende des 14. Jahrhunderts die Nord- und Ostsee unsicher. Gegen wen oder was kämpft ihr?

Michael Rhein alias Das letzte Einhorn: Wir sind gerechte und freiheitsliebende Leute, wir kämpfen ums Dasein und darum, gehört zu werden. Wir geben sehr viel dafür und hoffen, viel zurückzubekommen. Das Album „Quid Pro Quo“ handelt letztendlich vom Geben und Nehmen, das ist der rote Faden. Wir sind auch solche Typen wie Störtebeker: Wir sind jahrelang durch alle Gassen gehuscht, die Obrigkeit war uns scheißegal. Das ist auch nach wie vor so. Störtebeker war wie Robin Hood, nur dass er eben eine Seefahrermütze trug.

Welche Rolle spielt Gerechtigkeit in eurem Leben?

Michael: Es geht heute nur noch ums Nehmen, die Gier kennt keine Grenzen. Es ist schön, Leute zu treffen, bei denen es noch selbstverständlich ist, zu teilen. Und wenn es nur um die Zigaretten geht. Manchmal sitzt du fünf Stunden mit irgendeinem Typen zusammen und nimmst dir irgendwann eine von seinen Zigaretten – und was sagt er? „Das sind aber meine!“ Dafür möchte man ihm am liebsten eine runterhauen.

Im Titelsong „Quid Pro Quo“ kritisiert ihr offen den Kapitalismus. Was genau geht euch gegen den Strich?

Michael: Mit diesem Song halten wir der Gesellschaft einen Spiegel vor. Jeder bedient sich und keiner möchte etwas zurückgeben. Jeder bescheißt den Staat, logisch, er hat es ja auch nicht anders verdient, weil er selber nur bescheißt. Wenn der Staat den Kuchen gerecht teilen würde, würden auch nicht so viele Leute mit Geld ins Ausland ziehen. Es ist aber immer ein Augenzwinkern dabei, wenn wir singen: „Nutten kosten Geld/Drogen kosten Geld/Suff kostet Geld/Ein Narr, wem es nicht gefällt!“

Gibt es noch Hoffnung auf Veränderung?

Michael: Unser Motto lautet: Gib die Hoffnung niemals auf! Wer sie aufgibt, landet irgendwann deprimiert in einer dunklen Wohnung und kommt da auch nicht mehr raus.

Was hat euch zu Gesellschaftskritikern gemacht?

Florian Speckardt alias Specki T.D.: Die Schule des Lebens! Der Weg, bis wir diese Musiksparte salonfähig gemacht hatten, war steinig. Wir wurden lange nicht ernst genommen. Inzwischen hat unsere Band aber ein breites Standing. Zu unserem 20. Jubiläum haben wir zweimal die Loreley-Bühne bei Koblenz ausverkauft, unsere Fans gehen mit uns seit vielen Jahren durchs Leben.

Kann der klassische Protestsong die Leute generell noch bewegen?

Florian: Das Musikbusiness hat sich verändert. Die Leute sind gar nicht mehr bereit, sich mit Songs auseinanderzusetzen, in denen irgendetwas angeklagt wird. Musik ist zu einem Artikel geworden, der schnell durchgereicht wird.

Live: Mau Club, 29.6., Einlass: 19 Uhr

Interview von Olaf Neumann

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