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„Wir sprechen Dinge an, wie sie sind!“

„Wir sprechen Dinge an, wie sie sind!“

Die britische Synthie-Pop-Gruppe Depeche Mode hat ein neues Album herausgebracht / Auf „Spirit“ klingen die Musiker so düster wie nie zuvor

So bedrohlich und hoffnungslos wie auf ihrem vierzehnten Studioalbum klangen Dave Gahan (54), Martin Gore (55) und Andy Fletcher (55) wohl noch nie in ihrer mehr als 35 Jahre währenden Weltkarriere.

Und so packend auch schon lange nicht mehr. Die überzeugende Platte, die von James Ford (Simian Mobile Disco, Florence & The Machine, Arctic Monkeys) produziert wurde, hat richtig Biss, ist vielschichtig und komplex, klingt oft wüst („Scum“) und manchmal auch ganz sanft („Cover Me“, „Eternal“). Wir sprachen mit Sänger Gahan und Multi-Instrumentalist Gore in New York.

Mr. Gahan, Mr. Gore, ist „Spirit“ das pessimistischste Depeche-Mode-Album aller Zeiten?

Martin Gore: Das Wort „pessimistisch“ kann ich nicht so gut leiden. Ich mag den Begriff „realistisch“ lieber. Wir sprechen die Dinge so an, wie sie sind. Falls das ein bisschen deprimierend rüberkommt, dann tut es mir leid (lacht).

Mr. Gore, Sie singen auf „Eternal“ selbst. Der Song handelt von Ihrer kleinen Tochter Johnnie Lee, die vor einem Jahr zur Welt kam. Ein schöner Song, nur: Musste die Zeile „When The Radiation Falls I Will Look You In The Eye And Kiss You“ (Wenn der radioaktive Regen fällt, werde ich dir in die Augen schauen und dich küssen) denn wirklich unbedingt sein?

Martin Gore: Das ist doch romantisch! (lacht) Okay, sagen wir, es ist meine Art der Romantik. Ich denke, wenn du in der heutigen Zeit ein Kind in die Welt setzt, dann musst du immer mit dem Schlimmsten rechnen. Es gibt diese allgegenwärtige Gefahr von allem, Atomkrieg inklusive. Wir haben seit einigen Monaten einen verrückten Mann im größten und wichtigsten Amt der Welt.

Wer weiß schon, was da weiter passieren wird.

Mr. Gahan, Ihre Tochter Stella Rose wird im Juli 18. Sind Sie besorgt, in was für einer Welt sie leben wird?

Dave Gahan: Absolut. Die Frage stelle ich mir, auch in Bezug auf meine zwei erwachsenen Söhne. Du willst, dass die Kinder geborgen und in Freiheit aufwachsen. Dass sie sich entscheiden können, wie sie leben wollen. Die Angst, die von Politikern wie Trump verbreitet wird, ist irreal, verrückt. Niemandem ist gedient, wenn auf Minderheiten herumgehackt wird. Überall auf der Welt wollen die Menschen in Frieden, Sicherheit und Freiheit leben. Die Welt lässt sich nicht einteilen in die Guten und die Bösen.

Die Grundstimmung auf „Spirit“ ist dunkel, traurig und wütend. Ist das Album ein Ausdruck von Sorge, Angst, Wut und Frust angesichts der Entwicklungen auf der Welt?

Dave Gahan: Ja, alles das trifft zu. Vor allem verspüre ich Frust und auch Verunsicherung. Wo soll es hingehen? Wem sollen wir glauben? Wem folgen? Man kann schon sehr sarkastisch werden. Es ist kaum möglich, nicht betroffen zu sein von allem, was du im Fernsehen siehst und was du liest.

Das Album beginnt mit „Going Backwards“, „Where’s The Revoultion“ und „The Worst Crime“, drei Songs mit explizit politischem Inhalt. Was hat Sie dazu bewogen? Der Brexit? Trump?

Martin Gore: Das Album war schon fertig, als Trump an die Macht kam und schon geschrieben, als die Briten für den Brexit stimmten. Ich denke, die Menschheit ist sehr weit weggekommen von ihrem Pfad. Wir haben einiges von unserem menschlichen Geist verloren, wir haben einige wirklich schlechte Entscheidungen getroffen in den vergangenen Jahren, die ich nur schwer verkraften kann.

Andy Fletcher lebt in London, Dave Gahan in Manhattan, Martin Gore in Santa Barbara. Es ist wohl kein Zufall, dass

Dave Gahan: wir uns alle drei in liberalen Enklaven niedergelassen haben? Sicher nicht. Dort leben wir gern und gut. Wir sind gesegnet, haben Möglichkeiten im Überfluss, aber das heißt nicht, dass wir uns nicht für das interessieren, was um uns herum passiert. Diese Themen haben bewusst auch ihren Weg aufs neue Album gefunden.

Ist „The Worst Crime“ ein Ausblick auf ein Worst-Case-Szenario?

Martin Gore: Nicht direkt. Der Song, wie eigentlich das komplette Album, ist eher ein Aufruf, uns zusammenzuraufen und auf unseren Weg zurückzukehren. Ich will nicht, dass die neue Platte zu depressiv wirkt, sie soll auch kämpferisch sein. Und hier und da mit einem Augenzwinkern.

Etwa im Video zur Single „Where’s The Revolution“, in dem ´Sie Marxisten mit langen Bärten darstellen.

Martin Gore: Ja, es gibt schon mehr Humor als auf den ersten Blick sichtbar. Das Video zu drehen, hat Spaß gemacht, insbesondere diesen Karl-Marx-Teil.

Es scheint, als ob der Respekt, den die Menschen Depeche Mode entgegenbringen, von Album zu Album zunimmt. Ganz früher galten Sie als Teenieband, inzwischen sind Sie quasi Ikonen. Liegt das am Alter?

Dave Gahan: Auch. Aber nicht nur. Nach all den Jahren ist es für uns wichtig, ein Album zu machen, das standhalten kann. Das es wert ist, mit der Musik, die wir über die Jahre gemacht haben, in einer Reihe zu stehen. Nach 35 Jahren deine kreativen Grenzen zu verschieben, ist nicht einfach und manchmal unbequem. Aber das ist eine lohnende Tortur, und eine Alternative sehe ich für uns nicht.Live: 22. Juni in Berlin

Interview: Steffen Rã¼th

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