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Musik Wolfgang Niedecken blättert im „Familienalbum“
Nachrichten Kultur Musik Wolfgang Niedecken blättert im „Familienalbum“
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09:18 27.10.2017
Wolfgang Niedecken zeigt alte Familienfotos. Quelle: Oliver Berg
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Köln

Wolfgang Niedecken fischt. Er sitzt zu Hause am Küchentisch und fördert aus den Tiefen einer Pappschachtel versunkene Schätze zutage. Ein Bild von seiner Mutter mit ihm als Baby auf dem Arm, irgendwann an einem schönen Frühlingstag 1951 auf der Kölner Severinstraße.

Seine Eltern am geöffneten Fenster ihrer Wohnung - sie legt ihm zärtlich die Hand auf die Wange. Ein ganz kurzer Augenblick wohl nur, aber einer, der die Zeiten überdauert. 

„Familienalbum - Reinrassije Strooßekööter“ heißt Niedeckens neues Album, das am 27. Oktober erscheint. Es vereint 13 neu aufgenommene BAP-Songs: Klassiker, aber auch eher unbekannte, mitunter sehr leise Stücke sowie den neuen Titel „Reinrassije Strooßekööter“. In diesem Prolog-Song kommt auch „dä Pappkarton“ auf dem Küchentisch vor - und sein Inhalt: „Fotos met jewelltem Rand un jenachdämm, affjeknick, verjilb, verblasst“ (Fotos mit gewelltem Rand und, je nachdem, abgeknickt, vergilbt, verblasst).

BAP-Kennern ist der Niedeckensche Familienkosmos seit langem vertraut: Da ist der Opa, ein Kirchenmaler, der die Familie im letzten Kriegswinter mit Krippenfiguren über Wasser zu halten versucht. Die Laubsägearbeiten sind nahezu unverkäuflich - aber die Familie lässt ihn in dem Glauben, dass er es ist, der sie ernährt. Da ist die Oma, die „schöne Schaffnerin“, die in Uniform Fahrkarten in der Kölner Pferdebahn verkauft.

Der „große Brooder“, der sich an die Schleppkähne auf dem Rhein hängt und ziehen lässt - wofür ihn der kleine Wolfgang maßlos bewundert. Die Mutter, die in einem günstigen Moment den entscheidenden Satz an den Vater richtet: „Josef, ich jläuv dä Jung bruch jetz sing eijene Jittar!“ (Josef, ich glaube, der Junge braucht jetzt seine eigene Gitarre!) Und natürlich der Vater selbst: der „Bapp“, der Papa, der der Band ihren Namen gab.

Josef Niedecken stammte aus einer Winzerfamilie in Unkel am Rhein - die aus Amerika eingeschleppte Reblaus zerstörte vor 100 Jahren seine Lebensgrundlage. Daraufhin zog er vom Land in die Großstadt und wurde „Hirringsbändijer“ - Heringsbändiger oder schlicht  Lebensmittelhändler. Es ist ein bunt gemixter Clan, der sich da in der Kölner Südstadt eingenistet hat: „Mir sinn reinrassije Strooßekööter“, bekennt Niedecken - reinrassige Straßenköter.

„Vielleicht schaffe ich es ja als Nebeneffekt, dass der eine oder andere auch nochmal die alte Kiste hervorzieht, in der die alten Fotos sind, die man ewig nicht mehr gesehen hat.“ Dann wird man zwangsläufig feststellen, dass sich der Blick auf die Bilder und die mit ihnen verbundenen Ereignisse und Lebensphasen verändert hat. „An einigen Stellen muss man sich eingestehen, dass man gescheitert ist“, sinniert Niedecken (66). „Auf der anderen Seite wird man auch gelassener. So ein Album macht man natürlich nicht als 35-Jähriger. Dafür musst du schon alle Stationen durchhaben: deine Kindheit und die Kindheit deiner Kinder.“ Wenn er sich das Album jetzt anhört, „dann gehen die ganzen Filme vor mir ab und ich bin auf einmal wieder der kleine Junge, der auf der Rheinbrücke steht und den tuckernden Frachtern nachschaut“.   

Ein Titel, den manche Fans vielleicht vermissen werden, ist der Hit „Verdamp lang her“, ein imaginäres Zwiegespräch mit seinem verstorbenen Vater. Niedecken ist sich dessen bewusst, aber er sagt: „Das hätte mich gelangweilt, denn das Stück haben wir wirklich in allen Aggregatzuständen gespielt.“ Mit aufgenommen hat er dafür den Titel „Et ess lang her“, in dem er die Entstehung des Kultsongs beschreibt. 

Die verpasste Aussprache mit seinem Vater bedauert Niedecken bis heute. „Mittlerweile weiß ich: Das sind Sachen, die musst du immer wieder probieren. Ich sage jedem, der etwa ein Problem mit seinen Eltern hat: Tu dir den Gefallen und versuch zu reden, selbst wenn es hart ist. Ich befolge das selber nicht immer und erfinde Ausreden, verschiebe es. Aber wenn es dann zu spät ist, ist es nicht mehr zu reparieren. Und dann tut es einem unendlich leid.“   

dpa

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