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Kultur Musikerleben in der DDR: Rocker mit Reisepass und Rüschenhemd
Nachrichten Kultur Musikerleben in der DDR: Rocker mit Reisepass und Rüschenhemd
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00:00 16.04.2016
Berlin

„Wir waren vorgewarnt worden: Ihr müsst dort ,Eiszeit‘ von Peter Maffay spielen. Der Gruppe Berluc, die vor uns dort war, hatten sie das Saalkabel durchgehackt, weil sie das nicht spielen wollten.“ Toni Krahls Erinnerungen an die Tour, die City 1984 an die Erdgastrasse in der Sowjetunion führte, sind gemischt. „Sie kloppten mit ihrem Essensgeschirr auf den Tisch, dass es gewaltig krachte und riefen ,Eiszeit, Eiszeit!‘“, erinnert sich der Sänger an die Arbeiter. „Als Teil der herrschenden Klasse forderten sie diktatorisch ihren Programmpunkt ein.“ Es war nicht das einzige Mal, dass City den Widrigkeiten des sozialistischen Alltags gegenüberstanden. In seinem Buch, das er vieldeutig „Toni Krahls Rocklegenden“ betitelt hat, blickt der Sänger auf sein Leben zurück.

Und das begann mit der Geburt am 3. Oktober 1949. „Deswegen wurde der 1990 ja Feiertag“, scherzt Krahl. Den kleinen Toni verschlug‘s Anfang der Sechziger nach Moskau, wo sein Vater Auslandskorrespondent der SED-Zeitung „Neues Deutschland“ war. Ausgerechnet in Moskau hatte Krahl seine Erstbegegnung mit der Beatmusik. Die Beatles-Single „Please Please Me“ infizierte den 14-Jährigen, die Erleuchtung: „Dieser Sound war für mich gemacht.“

Mit 15, wieder zurück in der DDR, borgte sich Toni Krahl die Gitarre seiner großen Schwester und begann, erste Akkorde zu lernen. Mit einem Kumpel übte er „Poor Boy“ von den Lords ein. Es folgte die erste Schülerband, die Wurzel minus 4 hieß. Der Karriere-Anfang war gemacht.

Doch Toni Krahls Laufbahn hätte 1968 zu Ende sein können. Mit Freunden solidarisierte er sich mit dem Prager Frühling, demonstrierte vor der sowjetischen Botschaft. „Wir waren insgesamt vielleicht vierzig oder fünfzig Männeken“, erinnert sich Krahl. Der Polizei-Vorladung im September 1968 folgte die U-Haft, im November die Verurteilung zu drei Jahren Haft, vor Weihnachten aber die überraschende Freilassung. Dieses „Knastabenteuer“, wie Krahl es nennt, schildert er offen und recht locker.

Dann konnte es mit der Musik weitergehen. Nach der Arbeit sang Krahl in Bands Titel von Otis Redding, CCR oder James Brown. Und in den Sechzigern waren Rüschen schwer angesagt: „Als Bühnengarderobe zog ich vorzugsweise die Schlafanzugoberteile meiner Mutter an, dazu Schlaghosen“, so Krahl. „Den Rest machten die Haare. Und die Kettchen, die man trug.“

Der Einstieg bei City war 1975 der wichtigste Karrieremoment für Krahl. Dieser Band sollte er die Treue halten, bis heute. Die Ära von 1975 bis 1989 nimmt auch den größten Platz im Buch ein — der Überraschungshit „Am Fenster“, erste Konzerte im Westen, Reisepassprobleme, Erfolg in Griechenland, Personalquerelen, Streit um den Bandnamen, Alkoholbeschaffung in der Sowjetunion, Produktion der LP „Casablanca“, schließlich das Ende der DDR. Auch der missglückte Bordellbesuch des City-Schlagzeugers in Hamburg kommt zur Sprache. Dann die Zeit nach 1990, als Krahl mit City neue Platten aufnahm, auch ins Produzentenfach wechselte. Dies alles reflektiert Toni Krahl in seinem Buch sehr kurzweilig. Übrigens: City schaffte es damals, sich aus der „Eiszeit“-Nummer rauszumogeln. „Mit ,Am Fenster‘

kamen wir drumrum, Maffay imitieren zu müssen“, freut sich der Sänger noch heute.

Von Thorsten Czarkowski

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