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Kultur Musikgenie in dunkler Zeit: „Django“ eröffnet 67. Berlinale
Nachrichten Kultur Musikgenie in dunkler Zeit: „Django“ eröffnet 67. Berlinale
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21:02 09.02.2017
Die 67. Internationalen Filmfestspiele in Berlin werden mit dem Film „Django“ eröffnet. Quelle: Britta Pedersen
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Berlin

Die Musik reißt die Zuschauer von ihren Plätzen.  Django Reinhardt spielt mit geschlossenen Augen. Unten in dem Konzertsaal im besetzten Paris 1943 sitzen ganze Horden von Nazis.

Mit der Weltpremiere des Musikerporträts „Django“ wurde die 67. Berlinale am Abend eröffnet. Etienne Comars Biopic über den legendären französischen Jazz-Gitarristen Django Reinhardt handelt von einem Genie in einer dunklen Zeit. Der Wettbewerb um den Goldenen Bären wurde damit offiziell gestartet.

„Django“ erzählt die Geschichte des Mitbegründers des Gypsy-Swing und seiner Flucht aus dem von Deutschland besetzten Frankreich. Jazz und Politik - ein passender Auftakt für die Berlinale, die als das politischste der großen Filmfestivals Berlin, Cannes und Venedig gilt. Mit einer ziemlich zähen Dramaturgie, hölzernen Dialogen und zahlreichen Klischees macht es „Django“ dem Publikum allerdings nicht ganz leicht.

Mehr als 1600 Galagäste waren in den Berlinale-Palast am Potsdamer Platz gekommen. Auf dem roten Teppich begrüßte Festivaldirektor Dieter Kosslick neben dem „Django“-Team und Hollywoodstar Richard Gere fast die versammelte deutsche Film-Elite - darunter Iris Berben, Henry Hübchen, Tom Schilling, Senta Berger, Heike Makatsch, Corinna Harfouch und Maria Schrader. Die Regisseure Wim Wenders, Andreas Dresen und Volker Schlöndorff waren ebenso gekommen wie Fußball-Nationalspieler Jérôme Boateng und Model Toni Garrn.

Comedystar Anke Engelke führte durch die Eröffnungszeremonie und verteilte reichlich Seitenhiebe vor allem in Richtung der Politik von US-Präsident Donald Trump. Ihr bodenlanges weißes Kleid mit einer Art vergittertem Silber-Bustier zum Beispiel passe doch gut: „eingezäunt“, meinte Engelke in Anspielung auf Trumps Pläne zum Ausbau der Grenze zwischen den USA und Mexiko. Kulturstaatsministerin Monika Grütters sagte in ihrer Ansprache: „Artists first“, Künstler zuerst. Die Berlinale sei ein „Fest der Kunstfreiheit“.

In politischer Mission war bereits am Vormittag Richard Gere unterwegs. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) tauschte sich mit dem Hollywoodstar und bekennenden Buddhisten über die Menschenrechtslage in der zu China gehörenden Bergregion Tibet aus. Am Freitag stellt Gere bei der Berlinale seinen Film „The Dinner“ vor. Die Festivaljury betonte, sie wolle sich trotz der angespannten Weltlage nicht politisch vereinnahmen lassen. „Ich hoffe, dass die Jurymitglieder erstmal auf die Qualität der Filme achten - ohne politische Vorurteile“, sagte Jurypräsident Paul Verhoeven („Basic Instinct“).

Die in „Django“ gezeigte Periode aus Reinhardts Lebens sei ein Beispiel dafür, wie Musik einen Menschen von der Welt abschirmen könne, so der französische Regisseur Comar. „Swing war offiziell verboten, Sinti und Roma wurden überall in Europa verfolgt, aber Django schien das gar nicht zu bemerken. Er war auf dem Gipfel seines Erfolges.“ Es gehe um die Blindheit eines Künstlers und seine spätere Erkenntnis darüber.

Mit Kompositionen wie „Minor Swing“ (später Titelsong im Liebesfilm „Chocolat“ mit Juliette Binoche und Johnny Depp), „Nuages“ und „Manoir de mes rêves“ begeistern Reinhardt, Geiger Stéphane Grappelli und ihr Quintette du Hot Club de France Menschen in ganz Europa. Reinhardts Musik wird auch von den Nazis geschätzt. Die Besatzer wollen den bislang unbehelligt gebliebenen Künstler auf eine Propagandatour durch Deutschland schicken. Doch Reinhardt weigert sich.

Neben „Django“ konkurrieren weitere 17 Filme um den Goldenen und die Silbernen Bären, die am Ende des elftägigen Festivals vergeben werden. Mit Volker Schlöndorff („Rückkehr nach Montauk“), Andres Veiel („Beuys“) und Thomas Arslan („Helle Nächte“) haben auch drei Deutsche Bären-Chancen.

„Django“ bedeutet in der Sprache der französischen Sinti, der Manouches: „Ich wache auf“. Das Filmporträt zeigt einen Menschen voller Widersprüche. „Django war kein Held. Er hat getan, was er konnte, mit dem, was er hatte“, sagt Regisseur Comar. In „Django“ schwinge viel von unserer Gegenwart mit. „Politische Statements von Künstlern, das gefährliche Thema nationaler Identität, heimatlose Flüchtlinge, die nirgends hinkönnen, illegale Migranten, die festgenommen werden - man könnte „Django“ fast als einen aktuellen Film begreifen.“

Comar - als Produzent und Drehbuchautor machte er sich einen Namen zum Beispiel mit dem Drama „Von Menschen und Göttern“ - gibt mit „Django“ sein Debüt als Regisseur. Er arbeitete für den auf Tatsachen beruhenden Film eng mit Django Reinhardts Enkel David zusammen.

„Django“-Darsteller Reda Kateb („Zero Dark Thirty“, „Die schönen Tage von Aranjuez“) nahm ein Jahr lang Gitarrenunterrricht. An seiner Seite ist Cécile de France („Der Junge mit dem Fahrrad“) als Reinhardts Geliebte Louise zu sehen. Die niederländische Jazzband Rosenberg Trio spielte Reinhardts Musik für den Film neu ein.

Wie Bimbam Merstein, die Djangos Mutter spielt, sind viele der Darsteller aus der Gemeinschaft der Sinti. „Das sind fast alles Musiker. Sie gehören zu den letzten, die Manouche sprechen, einen Mix aus Romani und Deutsch. Das ist der Dialekt, den die Schauspieler im Film sprechen“, erklärt Comar.

Mehr als 1600 Gäste waren zur Eröffnungala geladen. Bis zum 19. Februar zeigt die Berlinale knapp 400 Filme. Stars wie Robert Pattinson, Hugh Jackman und Catherine Deneuve stellen ihre neuen Filme vor.

dpa

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