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Nach der Wut: Jelinek am Thalia

Hamburg Nach der Wut: Jelinek am Thalia

Die Wut ist schon kalt geworden an diesem Abend. Geblieben ist das Absperrband, das Rettungskräfte und Polizei an Tatorten aufspannen.

Hamburg. Die Wut ist schon kalt geworden an diesem Abend. Geblieben ist das Absperrband, das Rettungskräfte und Polizei an Tatorten aufspannen. Und ein einsamer Brandmann, der den Streifen akribisch auf- und entrollt. Das Schlimme ist passiert, aber längst nicht zu Ende, und das Absperrband hält nichts im Zaum – nicht den Terror, nicht die Wut, der Karin Neuhäuser in einem starken Monolog als mosernder Ordnungshüter nachschmeckt. Die gärende Bevölkerung mischt sich da mit den Tätern, die immer interessanter sind als die Opfer, Gotteskrieger mit Nationalismus und machtlosen Göttern, die sich eher vor den Menschen fürchten müssten als umgekehrt.

Vieles kommt mit vielem zusammen in Elfriede Jelineks im April in München uraufgeführtem zornigen Wortstrom, den die Literaturnobelpreisträgerin unter dem Eindruck der Anschläge auf die Zeitschrift Charlie Hebdo und einen Supermarkt in Paris schrieb, und den Regisseur Sebastian Nübling zum Saisonstart im Thalia Theater auf die Bühne bringt. Verschränkt mit einem neuen Text von Simon Stephens.

Rage ist eine von Fotos aus der Silvesternacht in Manchester inspirierte Szenenfolge, Bilder von Anmache und Aggression – Ausnahmezustand.

Die Bühne ist leer bis auf einen gigantischen Schriftzug „Happy New Year“. Verhalten pulst der Beat (Musik: Lars Wittershagen), und drei Frauen und vier Männer zucken sich durch die Nacht, begrapschen, beschimpfen, besaufen sich. Es wird gekotzt, gepinkelt, getanzt auf dem Vulkan des Jahreswechsels. Stephens hat aufmerksam ins Party-Geblubber gelauscht und den alltäglichen Rassismus herausdestilliert. Nübling setzt das in eine aufgeladene Endzeitstimmung. Was bei Jelinek gelaufen ist, das kann bei Stephens jederzeit von der unflätigen Verbalinjurie ins Tätliche umschlagen.

Das ausgesprochen gut getunte Ensemble malt nicht nur bizarre Typen, es hat auch keine Angst, den heißgelaufenen Ausnahmezustand vorzuführen – in oft schwer zu ertragenden Bildern.

Ruth Bender

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