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Kultur Nachruhm dieser Lieder voller Dynamit
Nachrichten Kultur Nachruhm dieser Lieder voller Dynamit
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00:00 14.10.2016

Was ist passiert, dass die Preisrichter endlich merken, wie viel Dynamit in Dylans Liedern steckt? Jede Zeile wie ein Wort zum Sonntag, jeder Refrain ein Horoskop für diesen Horror, den wir Alltag nennen. Bob Dylan, 75 Jahre alt, kriegt den Literaturnobelpreis. Bekommt er ihn nur deshalb, um den USA vor ihrer Wahl ins Poesiealbum zu schreiben: Löst euch nicht von euren Wurzeln, ihr habt nicht allein Trump, sondern auch Bob Dylan in euren Reihen, den Wahrsager, der das Land zur Freiheit führt und der mit Frauen umzugehen weiß?

Der Songpoet: Bob Dylan auf Tour im Jahre 2013. Quelle: Abir Sultan/dpa

Die Auszeichnung von Bob Dylan ist genau so ein Witz wie es die von Dario Fo war.

Am besten, man lacht mit."Denis Scheck, Literaturkritiker

Die Frauen also. „Visions Of Johanna“, „Just Like A Woman“, „Lay Lady Lay“. Jeder Mensch mit Herz und Seele hat seine erste Zigarette zu Dylans Songs geraucht. Die erste Freundin in den Arm genommen.

Sich zum ersten Mal die Haare rot/grün/blau gefärbt. Vielleicht waren die Juroren, also die alten Schweden, die damals junge Schweden waren, zu versessen auf das Mädchen, zu benebelt von der Zigarette, um auf die Texte zu achten, die zugegeben arg verschliffen aus dem Mund des Barden kamen – als sei er, während er die Lieder sang, selbst gerade mit der Zigarette oder einer Frau beschäftigt. Was gäbe es auch sonst für Gründe, Dylan erst in diesem Jahr zu ehren, da er keine eigenen Songs mehr schreibt, sondern nur noch Lieder aus der Kindheit covert, von Sinatra zum Beispiel?

In Schwedens Nobelpreisjury, Abteilung Literatur, neigen sie dazu, den Nachruhm auszuzeichnen. Wenn das Schiff im Hafen liegt, hängt man ihm einen Orden um. Nicht, wenn es auf der Höhe der Robustheit durch die Wellen zieht.

Kratzt es Bob Dylan, dass er nun den Preis erhält? Finanziell vermutlich nicht. Stockholms Ehrerbietung ist seit 2012 mit acht Millionen Schwedischen Kronen dotiert. Nach dem damaligen Wechselkurs waren das 928000 Euro, derzeit nur 822000 Euro. Der Preis weicht auf, rein monetär betrachtet. Dylan aber hatte eine andere Wertanlage im Schrank: Sein handgetipptes Manuskript des Liedes „Like A Rolling Stone“ ließ er vor zwei Jahren in London für 1,2 Millionen Pfund versteigern.

Nicht nur das Preisgeld, auch die Qualitätskriterien rücken die Auszeichnung längst in die Nähe einer Aktie, auf die man besser nicht mehr setzt. Zu willkürlich, zu sehr an Quoten orientiert und fast erratisch wirkte die Wahl dieser Jury in den vergangenen Jahren. Wer hat den Preis im letzten Jahr bekommen? Swetlana Alexijewitsch. Diese Antwort muss man googlen. Was nicht gegen die Weißrussin spricht. Die Jury aber scheint nicht fähig, einen Nadelstich zu setzen, einen Impuls auszulösen, das die Bücherwelt elektrisiert, sie aufwühlt und ihr neue Freunde in die Arme treibt.

Dylan ist eine gute Wahl, doch sie kommt 30 Jahre zu spät. Auch der letzte Feuilletonist hat die Pointe zwei, drei Mal platziert, wie preisverdächtig dieser Bob mit seinen unbotmäßigen, tanzbaren, weinbaren (man müsste dieses Wort für ihn erfinden) Liedern wirkt, die Pop und Politik zwischen zwei ausgespuckten Wörtern wie durch einen Kuss vereinen. Der Kuss indes war immer flüchtig, denn Dylan ist gewiss kein Mann der Treue.

Im Mai, es scheint erst ein paar Wochen her, hat jede Zeitung, jeder Sender, jeder Zwischenruf auf Twitter den 75. Geburtstag von Dylan gefeiert. Das muss den Schweden aufgefallen sein. Nun gibt es eine zweite Welle von Elogen, wieder deklinieren sie sein Leben durch. Ermüdend. Was wir nie für möglich hielten: Dylan tut uns leid. Auch Denis Scheck, der meistgehörte deutsche Kritiker, beklagt die Wahl: „Die Auszeichnung von Bob Dylan ist genau so ein Witz wie es die von Dario Fo war. Am besten, man lacht mit.“

Das einzig Spannende an dieser Wahl: Wie fällt die Dankesrede aus? Man wird sie untertiteln müssen. Er wird die Rede kauen, wie er auch seine Lieder kaut und sie nicht mehr artikuliert. Die Texte sind nicht mehr verständlich, und dennoch Allgemeingut – ist das eine Etappe zur Unsterblichkeit?

Zitieren wir „Like A Rolling Stone“ vom neuen Literaturnobelpreisträger, geschrieben 1965: „How does it feel / To be without a home / Like a complete unknown / Like a rolling stone?“ Wie fühlt es sich an, heimatlos zu sein, wie ein komplett Vergessener, wie ein Entwurzelter? Genau das ist die Frage Amerikas vor der Wahl am 8. November.

Aus Dylans „The Times They Are A-Changin’ “ (1964)

Kommt, Schriftsteller und Kritiker, die ihr mit dem Stift prophezeit.

Und haltet eure Augen auf, die Chance wird nicht wieder kommen.

Und sprecht nicht zu früh, denn das Rad dreht sich noch,

Und es ist nicht abzusehen, wer genannt wird.

Denn der jetzige Verlierer wird später gewinnen,

Denn die Zeiten ändern sich.

Kommt Mütter und Väter im ganzen Land

Und kritisiert nicht, was ihr nicht verstehen könnt.

Eure Söhne und Töchter sind jenseits eurer Kontrolle.

Eure alte Straße altert rapide.

Bitte geht runter von der neuen, wenn ihr nicht zur Hand gehen könnt,

Denn die Zeiten ändern sich.

Die Linie ist gezogen, der Fluch ist gesprochen.

Der jetzt Langsame wird später schnell sein,

Wie die Gegenwart später Vergangenheit sein wird.

Die Ordnung löst sich rasch auf.

Und der Erste jetzt wird später der Letzte sein,

Denn die Zeiten ändern sich.

Lars Grote

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