Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Kultur Natascha Wodin - Neue Trägerin des Leipziger Buchpreises
Nachrichten Kultur Natascha Wodin - Neue Trägerin des Leipziger Buchpreises
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:42 23.03.2017
Gratulation, Natascha Wodin. Quelle: Hendrik Schmidt
Anzeige
Leipzig

Natascha Wodin war zehn, ihre Schwester gerade erst vier, als die Mutter in den Fluss ging. Die schmerzhafte Suche nach den Spuren dieser Mutter hat der 71-jährigen Autorin jetzt den Preis der Leipziger Buchmesse eingebracht.

Für ihren Roman „Sie kam aus Mariupol“ erhielt sie am Donnerstag als erste Frau seit Sibylle Lewitscharoff („Apostoloff“) vor acht Jahren die begehrte Auszeichnung.

Natascha Wodin wurde als Kind verschleppter ukrainisch-russischer Zwangsarbeiter im fränkischen Fürth geboren. Zunächst in Nachkriegslagern für „displaced persons“ aufgewachsen, kam sie nach dem Suizid der Mutter in ein katholisches Mädchenheim. „Ich wusste nur, dass ich zu einer Art Menschenunrat gehörte, zu irgendeinem Kehricht, der vom Krieg übriggeblieben war“, schreibt sie in ihrem Buch.

Sie wird obdachlos, schlägt sich als Telefonistin und Stenotypistin durch, bis sie Anfang der 70er Jahre eine Ausbildung als Übersetzerin macht. Sie gehört zu den ersten Dolmetschern, die nach Abschluss der Ostverträge für deutsche Firmen in die Sowjetunion reisen. Später übersetzt sie russische Literatur ins Deutsche, seit 1980 arbeitet sie als freie Schriftstellerin.

Wodin gilt als „Sängerin der dunklen Töne“. Ihre Themen sind Fremdheit, Entwurzelung und Außenseitertum - angefangen von ihrem autobiografischen Debüt „Die gläserne Stadt“ (1983) über „Einmal lebt ich“ (1989) und „Ehe“ (1997) bis jetzt zu „Mariupol“. In ihrem Roman „Nachtgeschwister“ (2009) verarbeitet sie ihre Ehe mit dem Schriftsteller Wolfgang Hilbig („ein achtjähriger mörderischer Zweikampf“). Ihr Roman „Alter, fremdes Land“ (2014) ist eine Auseinandersetzung mit dem Altwerden als Frau.

Wodin lebt in Berlin und Mecklenburg. Ihr Werk wurde mit zahlreichen Preisen geehrt. Für das Manuskript zu der jetzt ausgezeichneten Geschichte ihrer Mutter erhielt sie 2015 bereits den Alfred-Döblin-Preis. Mit dem Buch habe sie lange Versäumtes nachgeholt, sagte sie in einem Interview. „Von mir aus könnte jetzt Schluss sein.“

dpa

Mehr zum Thema

Mehr Umsatz, mehr Aussteller: Zur Leipziger Buchmesse demonstriert die Buchbranche Optimismus. Beim Blick über die deutschen Grenzen hinaus kommen jedoch auch Sorgen dazu.

22.03.2017

Europa steht vielerorts auf dem Prüfstand. Der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung soll dagegen ein Signal für Dialog und Zusammenhalt senden.

22.03.2017

Auf der Leipziger Buchmesse dominieren ernste Töne. Die Sorge um die Entwicklung in der Türkei prägt viele Diskussionen. Der Buchpreis geht an Natascha Wodin - sie hat über ihre Mutter geschrieben, die einst zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurde.

23.03.2017

Wieder ein weißer Hirsch im Wolgaster Tannenkamp.

24.03.2017

Der Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse geht an Natascha Wodin. Sie erhält die mit 15 000 Euro dotierte Auszeichnung für ihren Roman „Sie kam aus Mariupol“, wie die Jury am Donnerstag mitteilte.

23.03.2017
Kultur Ausstellung wird zur Hommage - Howard Hodgkin als Porträtmaler

Eine Ausstellung in London stellt erstmals die Porträtkunst des britischen Malers Howard Hodgkin in den Mittelpunkt. Die Schau erhält durch den plötzlichen Tod des Künstlers vor zwei Wochen traurige Aktualität.

23.03.2017
Anzeige