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00:00 29.09.2016

Flucht und Vertreibung gehören zu den großen Themen unserer Zeit. Allein im vergangenen Jahr erreichten mehr als eine Million Flüchtlinge vor allem aus dem Nahen und Mittleren Osten Deutschland. Viele wollen bleiben und in der Fremde eine neue Heimat finden – ein schwieriges Problem für alle Beteiligten. Aber bereits vor der aktuellen Krise kamen Flüchtlinge aus dem Mittleren Osten auch nach Deutschland. So zum Beispiel nach der Machtübernahme durch das Mullah-Regime im Iran 1979, als mindestens 110000 vor dem geistlichen Terror ins Exil Gegangene in Deutschland Aufnahme fanden.

Über die Mitglieder einer solchen Flüchtlingsfamilie hat Shida Bazyar ihren Debüt-Roman geschrieben, „Nachts ist es leise in Teheran“ lautet der Titel. Die Verfasserin ist 1988 in Deutschland geboren, in der tiefsten Provinz von Rheinland-Pfalz. Hermeskeil heißt der Ort, kurz vor der Grenze Luxemburgs gelegen. Von dort aus hat sich Shida Bazyar aufgemacht, um das literarische Leben zu entdecken, zunächst in Hildesheim, dann in Berlin, wo sie heute noch lebt und neben ihrer Tätigkeit als Autorin halbtags als Bildungsreferentin für junge Menschen, die ein Freiwilliges Ökologisches Jahr im Land Brandenburg machen, arbeitet.

„Nachts ist es leise in Teheran“ ist der erste Roman der jungen Schriftstellerin, die zuvor Erzählungen veröffentlicht hat. Ein in mancher Hinsicht erstaunliches Debüt. Zum einen ist es sprachlich beeindruckend. Shida Bazyar schreibt stilsicher und abwechslungsreich, zugleich aber auch schnörkellos. Und sie meidet die Fallgruben, in die viele junge Autoren tappen. In ihrem Roman steht kein Wort zu viel, er ist knapp gehalten. Und dennoch reich an sprachlichen Kabinettstücken. Aus fünf verschiedenen Perspektiven wird die Geschichte einer Familie geschildert, die ihre Heimat verloren hat und in Deutschland versucht, eine neue Existenz aufzubauen.

Da sind die Eltern Behsad und seine Frau Nahid, die im marxistischen Widerstand gegen den Schah tätig waren und sich nach dessen Sturz der ebenso militanten Verfolgung durch die schiitischen Geistlichen ausgesetzt sahen. Sie fliehen mit ihrer Tochter Laleh und Sohn Morad in die Bundesrepublik. Und während sie auf eine endgültige Aufenthaltsgenehmigung warten, geraten sie in die Fänge einer hilfsbereiten, aber nervigen links-öko-liberalen Familie. Wie Shida Bazyar die Begegnungen mit den neuen deutschen Freunden schildert, die Empfindungen der gerade aus Todesgefahr Entronnenen bei Unterhaltungen über Bio-Gemüse zum Beispiel, ist meisterhaft.

Tochter Laleh berichtet in „Nachts ist es leise inTeheran“ über einen Besuch gemeinsam mit ihrer Mutter in der alten Heimat. Dort ist die alte Herzlichkeit der Verwandten noch vorhanden, der Weg in die Moderne jedoch unterbrochen. Die Mullahs haben den Iran wieder in mittelalterliche Zustände zurückversetzt. Sohn Morad hingegen studiert an einer deutschen Universität und hat große Probleme, sich mit der Entwicklung im Iran auseinanderzusetzen. Mit den Konflikten an seiner Hochschule – die Einführung von Studiengebühren etwa – kommt er auch nicht wirklich zurecht. An dieser Figur macht Shida Bazyar die Probleme von Integration im Exil aus einer anderen Perspektive deutlich – es gibt kaum ein aktuelleres Thema für einen neuen deutschen Familienroman.

Denn „Nachts ist es leise in Teheran“ ist ein Familienroman, man hat ihn bereits (aber nicht ganz zutreffend) die „iranischen Buddenbrooks“ genannt. Das stimmt insofern nicht, weil hier nicht der Verfall einer Familie beschrieben wird. Es ist eigentlich die Weiterentwicklung einer Familie, und wohin diese Entwicklung führen kann, zeigt die Autorin an der jüngsten Tochter der Familie. Sie ist als Einzige in Deutschland geboren und engagiert sich in einer internationalen Nichtregierungs-Organisation für humanitäre Ziele. Erfüllt sie so die Wunschträume ihrer marxistischen Eltern? In gewissem Sinne sicherlich – aber doch auf ihrem ganz eigenen Weg.

Jürgen Feldhoff

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