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Neue Lieder für eine Welt

Rostock Neue Lieder für eine Welt

Mit seinem Album „So schön anders“ ist Adel Tawil zurzeit auf Deutschland-Tour / Am 14. November macht er Station in der Rostocker Stadthalle

Rostock. Adel Tawils erstes Soloalbum „Lieder“ wurde zu einem Dauerbrenner in den Charts und hat sein Leben auf den Kopf gestellt. Der Erfolg kostete ihn seine Ehe, während der Arbeit am Nachfolgealbum wäre er beinahe tödlich verunglückt. Aber Tawil ist immer noch da und legt mit „So schön anders“ ein lupenreines Popalbum vor. Es ist der Versuch, seine eigene Sprache zu finden, ohne seine Verletzlichkeit zu verbergen. Im Interview spricht er über seine Zusammenarbeit mit Afrikas Superstars und darüber, was ihm in diesen Zeiten Hoffnung macht.

 

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Steht am 14. November in der Rostocker Stadthalle auf der Bühne: der Sänger Adel Tawil

Quelle: Foto: Ove Arscholl

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Stationen Ihres Albums sind Hawaii, Ägypten, Italien, Hamburg und Berlin. Fällt es Ihnen schwer, aus dem Alltag auszubrechen?

Adel Tawil: Ja, ich mag meine Gewohnheiten und mein Umfeld. In Berlin fühle ich mich sehr wohl. Aber dadurch, dass es in privater Hinsicht so schwierig war, hatte ich das Gefühl, in Berlin keinen Schritt weiterzukommen. Das ist auch ein Thema auf meinem Album. Zufälligerweise ist zu der Zeit mein Freund Marlo nach Hawaii ausgewandert. Da hatte ich die Idee, ihn zu besuchen, um Abstand zu gewinnen und mich meinem Album widmen zu können.

Den Song „Eine Welt eine Heimat“ singen Sie gemeinsam mit Youssou N'Dour und Mohamed Mounir. Mounir ist für die arabische Welt eine generationsübergreifende Identifikationsfigur. Welches Verhältnis haben Sie zu ihm?

Er sagt, ich sei für ihn wie ein Sohn. Mohamed Mounir ist ein großartiger Mensch und Musiker, der schon über 30 Alben veröffentlicht hat. In Ägypten ist er ein Volksheld, er wird von seinen Fans „King of Egypt“ genannt. Wir sind zusammen in einem Kleinwagen durch Kairo gedüst, um keine Aufmerksamkeit zu erzeugen. Er wurde trotzdem erkannt – und der ganze Verkehr brach zusammen. Die Leute stiegen aus ihren Autos und fingen an zu feiern. Das habe ich auch im Senegal beobachtet.

Dort waren Sie mit Youssou N'Dour im Studio, dem senegalesischen Superstar und Kulturbotschafter im Rang eines Ministers.

Youssou N'Dour ist ein Weltstar, 2004 bekam er sogar einen Grammy für das Album „Egypt“. Ich bin froh, dass ich ihn und Mohamed Mounir für meine Platte gewinnen konnte. Beide sind sehr politische Künstler und haben eine Form gefunden, in ihren Liedern Botschaften zu übermitteln. Sie verstehen es, Dinge so zu umschreiben, dass du nicht genau weißt, ob es jetzt eine schöne Frau ist oder dein Land, das da befreit werden soll. Was wir hier als Entertainment empfinden, ist dort wirklich lebensverändernd. Mein Traum wäre, mit Mounir und N'Dour einmal in Kairo und Dakar zu spielen.

In Ägypten sind Sie bei einem Badeunfall vergangenen Sommer nur knapp mit dem Leben davongekommen.

Ich war beim Sprung in den Pool ein bisschen nachlässig. Und plötzlich war mein oberster Halswirbel an vier Stellen gebrochen! Aber es ist noch einmal glimpflich ausgegangen. Die Spezialisten in Hamburg und Berlin sagten mir, ich hätte unwahrscheinliches Glück gehabt.

Machte Ihnen die Vorstellung Angst, vielleicht nicht mehr gesund zu werden?

Angst war eigentlich nur in den ersten Tagen da, ich bin nämlich jemand, der sich mit seinem Schicksal abfinden kann. Wenn der schlimmste Fall eingetreten wäre, hätte ich damit auch klarkommen müssen. Aufgeben ist für mich keine Option.

Schauen Sie immer nach dem Guten, selbst wenn wirklich schreckliche Dinge passieren?

Ich darf die Hoffnung nicht verlieren. Was hätte ich denn dann noch? Ich glaube fest daran, dass wir eine Welt sind. Aber auf einmal werden wieder Mauern errichtet. Dabei geht es heute jedem Land in der EU besser als vor dem Euro. Für mich war es wichtig, das Lied „Eine Welt eine Heimat“ zu schreiben – gerade auch mit den zwei afrikanischen Musikern Mohamed Mounir aus Ägypten und Youssou N'Dour aus dem Senegal. Es hat fünf Sprachen: Senegalesisch, Französisch, Englisch, Ägyptisch und Deutsch. Ich kann kein Album machen ohne die Dinge, die mich persönlich beschäftigen: Trennungsschmerz, Sehnsucht, Verzweiflung ob des Weltgeschehens und dennoch zuversichtlich in die Zukunft blicken.

Das Lied „Gott steh mir bei“ schrieben Sie spontan unter dem Eindruck der Anschläge in Paris. Wie denken Sie darüber als Künstler mit arabischen Wurzeln?

Der Anschlag auf das Bataclan war für mich als Musiker wie ein Albtraum. Es hätten ja auch wir sein können, die dort gerade spielten. Ich saß an dem Abend verzweifelt vor dem Fernseher und dachte:

„Gott steh mir bei!“ Und dann geschah auch noch der Anschlag in Berlin auf dem Breitscheidplatz. Ich wohne doch gleich nebenan. Wenn ich im Ausland gefragt werde, sage ich immer, ich bin Berliner.

Aber meine Herkunft ist ägyptisch und tunesisch. Für mich und meine Familie ist dieser Anschlag eine Tragödie. Deshalb möchte ich dem lautstark etwas entgegensetzen – auch in unserer Community.

Dieses Lied drückt pure Verzweiflung aus.

Welchen Einfluss haben Sie als Künstler auf junge Menschen mit Migrationshintergrund?

Das kann ich nicht beurteilen. Ich denke, dass es jedem unabhängig von seiner Herkunft möglich sein sollte, seinen Weg zu gehen. Wenn meine Musik dazu beiträgt, freue ich mich. Deswegen war mir der Albumtitel auch so wichtig. Mit „So schön anders“ habe ich versucht, das Anderssein positiv zu besetzen.

Wie haben Ihre Eltern Sie auf das Leben vorbereitet?

Als kleiner Junge sagte meine Mutter zu mir: „Adel, du musst super in der Schule sein, sonst landest du auf der Straße!“ Dieser Satz hat mich geprägt.

Wie haben Sie sich Ihren Weg ins Musikgeschäft gebahnt?

Ich hatte das Glück, dass der Berliner Senat das Hip-Hop-Mobil ins Leben gerufen hatte. Dort konnte ich meine ersten Demos machen. Für 20 Mark. Jeder von uns gab ein Fünf-Mark-Stück, und dann konnten wir ein Lied basteln mit allem Drum und Dran. Das hat mich von dummen Ideen ferngehalten.

Sie sind Pate des Schüler-Song-Contests „Dein Song für eine Welt“ im Auftrag des Bundespräsidenten. Wie waren Ihre eigenen Schulnoten?

Ich war sehr gut in der Schule, aber ich war faul. Ich hatte einfach andere Interessen. Mathe war leider nicht mein Ding, was ich heute bereue. Ich wusste schnell, dass Physik, Chemie und Biologie in meinem Leben keine Rolle spielen werden.

Was kann man von Ihrer Tournee erwarten?

Für mich persönlich wird es echt spannend, weil ich jetzt aus fünf Alben schöpfen kann. Ich denke, dass die Konzerte dadurch auch ein bisschen länger werden. Ich freue mich riesig darauf.

Interview: Olaf Neumann

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