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Neuer Lenz-Roman offenbart die Sinnlosigkeit des Krieges

Hamburg Neuer Lenz-Roman offenbart die Sinnlosigkeit des Krieges

Man kann sich vorstellen, wie die Herren im Verlag gerungen haben: ein Wehrmachtssoldat, der mitten im Krieg die Seiten wechselt und sich den Partisanen der Roten Armee anschließt.

Hamburg. Man kann sich vorstellen, wie die Herren im Verlag gerungen haben: ein Wehrmachtssoldat, der mitten im Krieg die Seiten wechselt und sich den Partisanen der Roten Armee anschließt. Nicht aus politischer Überzeugung, sondern um sein Leben zu retten. Und aus der Erkenntnis heraus, dass auf der anderen Seite auch immer nur Menschen stehen. Eine Geschichte, die 1951/52 dem Wiederaufbau-Elan der Adenauer-Bundesrepublik womöglich die Stimmung verhagelt hätte.

 

OZ-Bild

Nach dem Erfolg von „Es waren Habichte in der Luft“ (1950), der dem jungen Autoren beim Hamburger Verlag Hoffmann und Campe gleich den Vertrag für einen zweiten Roman einbrachte, sollte „Der Überläufer“ Siegfried Lenz‘ zweites Buch werden. Eine Art Kriegsbericht, erzählt entlang der Odyssee des jungen Walter Proska. Der kommt wie Siegfried Lenz aus Lyck in Masuren und ist in seiner pragmatischen Art ein typischer Lenz-Protagonist. Eigentlich unpolitisch, aber sensibel für die Unstimmigkeiten politischen Handelns.

Proska ist nach dem Heimaturlaub auf dem Weg an die Ostfront, als sein Zug explodiert. So strandet er als einziger Überlebender im Nirgendwo Ostpolens, vielleicht ist es auch schon Weißrussland oder die Ukraine — am „Kontrollpunkt 25“, an dem der Unteroffizier Willi Stehauf mit einer Handvoll Soldaten Bahndamm und Stellung verteidigt. Junge Kerle allesamt: Zwiczosbirski aus Schlesien, den alle Schenkel nennen, weil er hinkt. Baffi, der Koch und Feuerschlucker. Zacharias, dessen Frau zu Hause das erste Kind erwartet. Wolfgang, der Jüngste, das „Milchbrötchen“, mit seinen todessehnsüchtigen Gedanken. Allesamt Männer jenseits des Heldischen, die Lenz beim Rauchen, beim Warten, beim Angeln und beim Streifegehen beobachtet. Sie lauschen auf das Klicken der Maschinengewehre oder suchen die überhitzte Landschaft nach blitzenden Mündungen ab.

Wie festgesetzt wirken die Soldaten im Mikrokosmos ihrer „Festung“, seltsam abgelöst von der Welt. In der unvollendeten Liebesgeschichte von Proska und Wanda, dem Partisanenmädchen, mit der Lenz die Männerwelt bricht. In der Wahrnehmung der „Zivilisten“, die entweder wie Außerirdische erscheinen oder als Partisanen. Ein Ausnahmezustand, in dem Grund und Sinn längst verloren sind.

Siegfried Lenz schildert das Kriegsgeschäft brutal akribisch, beinahe überscharf, ohne doppelten Boden und sachlich wie ein Obduktionsbericht. Ein Requiem, das aus der Direktheit kafkaeske Züge entwickelt. In der auf Befehl und Gehorsam zusammengeschnurrten Moral, in einem leer gelaufenen Pflichtgefühl. Da ist wahrlich nicht alles aus einem Guss im „Überläufer“, den die Siegfried-Lenz-Stiftung und der Verlag Hoffmann und Campe entdeckt haben und nun — zwei Jahre nach dem Tod des Autoren — herausbringen. Eine erste Fassung seines Romans hatte Lenz 1951 noch unter dem Titel „ da gibt‘s ein Wiedersehen“ eingereicht. Was das Buch verhinderte, ist seine bildnerische Kraft, die auch heute noch Wirkung hat — wie die Erkenntnis von der Sinnlosigkeit des Krieges, die auch auf die aktuellen Kriegsschauplätze der Welt passt. Ruth Bender

OZ

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