Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Neunter Pollesch in Stuttgart

Stuttgart Neunter Pollesch in Stuttgart

Ein Mann in hellem Anzug und rotem Hemd tänzelt über die Bühne. Er posiert. Zieht die Augenbrauen nach oben. Er wirft sich aufs Bett und wedelt mit den Beinen.

Voriger Artikel
Zeitreise mit Joe Cocker
Nächster Artikel
Michael Bublé wird Vater: „Noch ist mir das ein Rätsel“

Pollesch bleibt Pollesch. Foto: Sonja Rothweiler

Stuttgart. Im Hintergrund klingt eine Instrumentalversion des Coldplay-Hits „Viva la Vida“. Mehr geschieht nicht, eine ganze Zeit lang - das Publikum in Stuttgart belohnt die skurrile Komik am Freitag mit Szenenapplaus.

Über weite Strecken von René Polleschs neustem Stück „Die Revolver der Überschüsse“ ist es aber damit beschäftigt, dem in irrsinnigem Tempo vorgetragenen Textfeuerwerk zu folgen. Vier Protagonisten und eine scheinbar außer Kontrolle geratene Drehbühne – von Janina Audick im Stile des russischen Konstruktivismus gestaltet – wirbeln 75 Minuten lang Chronologie, Raum, Personen, Handlung und Themen durcheinander. Ein echter Pollesch eben.

Es geht unter anderem um Liebe - wie immer bei Pollesch, der bereits zum neunten Mal in Stuttgart inszeniert, mit philosophischem Überbau. Michel Foucaults Ideen spielen eine Rolle, der Titel ist Robert Pfaller entliehen und Theodor W. Adorno dient nicht nur als Vorlage fürs Wortspiel („J'adorno“). Die bürgerliche Gesellschaft reguliere alles - nur in der Liebe fordere sie Spontaneität.

Doch wenn die Gesellschaft Sprunghaftigkeit erwartet, sobald das Herz nach Neuem ruft, wird dann nicht die spießige Treue zum Subversiven? Die Liebe tauge derzeit nur noch dazu, heißt es einmal, andere loszuwerden. Völlig unvermittelt sprechen sich Christian Brey, Silja Bächli, Inga Busch und Lilly Marie Tschörtner zwischendurch mit „Liebling“ an. Mal ist dieser „Schatz“, mal jene.

Die vier Schauspieler springen zwischen Ebenen, Rollen und Zeiten hin und her. Ob vorne auf der Bühne oder im hinteren Teil - dann mit der Handkamera eingefangen. Auch das typisch Pollesch. Sie theoretisieren im Stile Adornos über Liebe und Gesellschaft, schmieden Intrigen gegen Energieversorger und schimpfen, die Bühne mache ihre Arbeit unmöglich. Nur hin und wieder muss Souffleuse Katharina Nay den reißenden Textstrom vor dem Versiegen bewahren.

Immer wieder geht es um Räume, in denen die gesellschaftlichen Regeln nicht gelten: „Die Welt teilt sich in zwei Lager. In Orte, die Grundlage unserer normalen Begegnungen sind, und in Heterotopien“. Wo, wenn nicht in jenen, gebe es sozialen Fortschritt?, fragt Silja Bächli, die wie Christian Brey zur Stuttgarter Stammbesetzung des vielfach ausgezeichneten Pollesch gehört.

Der Regisseur verwandelt gleich die gesamte Inszenierung in einen solchen Raum für Fragen. Assoziativ, vieldeutig und herausfordernd. „Immerhin ein neues Wort gelernt“, sagt ein Zuschauer hinterher. Ensemble, Technik und Regisseur ernten zwar minutenlangen Applaus, gelacht aber wird zuvor beim Posieren auf dem Bett oder bei Anspielungen auf den zurückgetretenen Papst. Eben immer dann, wenn die Pointen ein wenig zugänglicher sind.

 

Die Revolver der Überschüsse

 

dpa

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Serie, Weltkrieg, erster Weltkrieg, zweiter Weltkrieg Teaser der den User auf die Sonderseiten zum Thema Weltkrieg führen soll image/svg+xml Image Teaser Weltkrieg 2015-09-23 de Serie Erinnerung an Weltkriege Alle Beiträge und Bildergalerien zum Thema sowie Infos zu Ausstellungen und Museen finden Sie auf unseren Sonderseiten. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier. > Erster Weltkrieg > Zweiter Weltkrieg 1914 bis 1918 1939 bis 1945
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Lererbriefe, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Leserbriefe" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Leserbriefe“ 2015-09-23 de Meinung Ihre Leserbriefe Über unser Kontaktformular können Sie uns gern Lob, Kritik, Ideen oder andere Anmerkungen zu aktuellen Themen aus Ihrer Region, MV und der Welt zusenden. Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Hier geht es zum Formular.