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New York als vertanztes Lebensgefühl

Greifswald New York als vertanztes Lebensgefühl

Ralf Dörnen und das Ballett Vorpommern entführen mit „Rhapsody in Gershwin“ in die Weltmetropole

Greifswald. Langsam, mit einem trägen Triller schraubt sich die Klarinette die Tonleiter herauf – ein Mann tritt aus der U-Bahn, streckt sich und nimmt einen Schluck aus seinem Kaffeebecher, während der Tag in New York langsam erwacht. Es ist das wohl bekannteste Werk des amerikanischen Komponisten George Gershwin, „Rhapsody in Blue“, mit dem Ralf Dörnen, Ballettdirektor am Theater Vorpommern, den Abend beginnen lässt. Das Ballett „Rhapsody in Gershwin“ hatte am Sonnabend in Greifswald Premiere.

Es ist vor allem ein Lebensgefühl, das Gershwin mit seiner Musik – einer zur damaligen Zeit revolutionären Mischung aus Jazz und Klassik – wiederspiegelt. Das Lebensgefühl im New York der 20er und 30er Jahre, bestimmt von Tempo, Hektik, Chaos, Anonymität aber auch von zwischenmenschlichen Begegnungen und Energie.

Dieses Lebensgefühl greift Dörnen auf und setzt es tänzerisch in lose aneinandergereihten Szenen um, die einen Tag in der Großstadt widerspiegeln. Der Weg zur Arbeit, der Spaziergang mit dem Hund, ein Sonnenbad am Nachmittag, eine gediegene Party am Abend und schließlich der Weg zurück nach Haus, den so viele Menschen in der Anonymität der Großstadt allein antreten müssen. Unterlegt hat Dörnen die Szenen mit Gershwin-Klassikern, darunter Filmmusik aus „Shall We Dance“ und „Delicious“, Songs aus den Musicals „Girl Crazy“, „Funny Face“ und „Oh, Kay“ sowie Lieder die Gershwin damals eigens für den Konzertsaal schrieb, wie „Rhapsody in Blue“, „Lullaby“ oder „Piano Concerto in F“. Gekonnt fängt Dörnen die verschiedenen musikalischen Stimmungen ein und überträgt sie ins Tänzerische. Dabei kombiniert er nicht nur klassisches Ballett mit Jazz- und Stepptanz-Elementen, sondern spielt zugleich mit Lautstärke und Tempi, dem Wechsel von sanften, nachdenklichen Tönen und schwungvollen Passagen, Pathos und Witz.

Etwa bei „Walking the Dog“ (1937), wo Leander Veizi im Hundekostüm auftritt und an seinem Frauchen (Nadine De Lumé ) das Beinchen hebt, oder Zoe Ashe-Browne, die bei „’S Wonderful“ (1927) als Braut und Bräutigam mit sich selbst tanzt.

Seine Stücke haben für den Ballettdirektor auch immer etwas mit der aktuellen Befindlichkeit zu tun. „Als mein Vater gestorben ist, habe ich schwere Stoffe gemacht, wie ’Brahms Requiem’ und ’Endstation Sehnsucht’. Jetzt bin ich gerade in meiner lustigen Phase“, verrät Dörnen. Seit langem ist er ein Fan von Gershwin. „Das ist einfach Wahnsinns-Musik. Gershwin ist nicht nur mein Lieblingskomponist, sondern auch einer der unterschätztesten Komponisten überhaupt“, so Dörnen. Zwei Jahre lang arbeitete er an dem Ballett. „Die größte Herausforderung war die Musikauswahl, weil es die Stücke in so vielen Versionen und Stilrichtungen gibt“, sagt Dörnen, der auf Interpreten wie Fred Astaire, Ella Fitzgerald und Louis Armstrong setzt – mit ein Grund dafür, dass die Musik vom Band kommt, was schade ist, aber organisatorisch nicht anders umzusetzen wäre.

Interessant auch die Kulisse: Mit Digitaldrucktechnik wurde eine Skyline von New York geschaffen, die den Eindruck vermittelt, von einem Hochhaus hinunter in die Straßenschluchten zu blicken, so dass unweigerlich eine Sogwirkung entsteht.

„Rhapsody in Gershwin“ ist ein leichtes, lebenslustiges Stück, das zugleich zum Nachdenken anregt. Besonders die für den Konzertsaal geschriebenen Stücke sind abstrakt choreografiert und bieten viel Interpretationsspielraum. Trotz einiger Längen ist das Ballett hervorragend umgesetzt vom 13-köpfigen internationalen Tanzensemble, so dass der Zuschauer selbst zu einem Teil New Yorks wird.

Stefanie Büssing

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