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Nicht so harmlos wie ein Strauß-Walzer aus der Eduscho-Werbung

Zinnowitz Nicht so harmlos wie ein Strauß-Walzer aus der Eduscho-Werbung

„Geschichten aus dem Wiener Wald“ hatte Sonnabend in Zinnowitz Premiere. Das Stück von Ödön von Horváth feierte 1931 in Berlin seine Uraufführung und der Autor erhielt ...

Zinnowitz. „Geschichten aus dem Wiener Wald“ hatte Sonnabend in Zinnowitz Premiere. Das Stück von Ödön von Horváth feierte 1931 in Berlin seine Uraufführung und der Autor erhielt den für Dramatiker renommierten Kleist-Preis. Horváths Volksstücke beinhalten eine aufdeckende Sozialkritik. Auch im Wiener Wald wird zwar mächtig gewienert, sprachlich, und jede Menge gesungen, getrunken, aber es ist eine abgründige Geschichte von einer Frau, die aus ihrem vorgezeichneten Lebenslauf ausbricht und mit ihrem Traum von wahrer Liebe und Lebensglück kolossal scheitert.

Sie brennt mit einem Hallodri durch und landet bei einem Tingeltangel, das Kind stirbt. Das kommt von so einem Lotterleben; so die Moral des Vaters. Dem drohenden Ehe-Verlies des Blutwurst-Brutalos Oskar wollte sie entfliehen. Doch da wird sie enden. Oskar ist auf dieser Bühne gar nicht so bösartig, wie bei Horvath, aber der spießige Fleischermeister, der die lebenshungrige Marie am Ende heiratet — das ist Gewalt in der Ehe.

Swentja Krumbscheidt hat mit den Absolventen der Schauspielakademie ein wirkliches Glanzstück gelandet. Die Kostümsprache lehnt an Fassbinder an, einer der von Horváth beeinflusst war. Lasziv und langsam halten die Figuren die Spannung. Sehr textgetreu, auch mit Wiener Akzent, mit ein paar Kürzungen haben die Schauspieler das Tableau der Bösartigkeiten und das emotional verkümmerte Kleinbürgertum mit Spielfreude und Konzentration auf die Bühne gestellt. Alexander Martynow hat eine Wand mit einer blutrünstigen Tierszene, eine irritierenden Wohnzimmertapete, gebaut, in der sich Türen für die Szenen öffnen. Die Regisseurin arbeitet mit vielen Tiermetaphern. Tierköpfe, die den Übergang von der Bunny-Party der 20er Jahre zum bellenden Schäferhund der Nazizeit versinnbildlichen. Einzige Schwäche war die Großmutter, auf dieser Bühne zu wenig ernst genommen. Denn sie ist der Grund allen Übels. Die Bösartigkeit in Person hier als Witzfigur. Aber witzig war‘s schon. Das Publikum hatte Spaß. Horváths Sprachwitz hatte Zeit zum Landen. Ein paar Sitzreihen waren nach der Pause weg. „Geschichten aus dem Wiener Wald“ klingt eben nur so harmlos wie ein Strauß-Walzer aus der Eduscho-Werbung. Als Schauspiel ein Meisterwerk der Sprache.

Und diese Inszenierung hat Horváths Tanz auf dem Vulkan, die letzte Zeit vor dem absoluten Niedergang, aufgenommen und es geschafft, unsere Zeit zu spiegeln. Ein Theater-Geheimtipp in der Provinz.

Nächste Vorstellung: 12. März in Anklam Juliane Voigt

OZ

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