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„Niemand ist unerwünscht“

Wustrow „Niemand ist unerwünscht“

Sie macht keine politische Kunst. Ihre Kunst aber ist immer gesellschaftlich relevant — und von daher politisch.

Wustrow. Sie macht keine politische Kunst. Ihre Kunst aber ist immer gesellschaftlich relevant — und von daher politisch. Zuweilen ist Gerlinde Creutzburg (60) selbst überrascht, wie ihre Werke gesellschaftliche Ereignisse vorwegnehmen. Momentan ist es die Situation der Menschen, die weltweit auf der Flucht sind. Ein Wort wie „Flüchtlingskrise“, wie es allgemein im Gebrauch ist, würde nicht annähernd das umschreiben, was sie umtreibt — denn es geht ihr um den Menschen. In seiner Gesamtheit und als Einzelnen, um jedes Individuum.

Künstler sind immer Menschen, die mehr an sich heranlassen als andere. Aber Gerlinde Creutzburg mag man wünschen, dass sie früher, öfter „Stop“ sagt, vielleicht ein paar imaginäre Zäune etwas entfernter der Seele andeutet. Im Zentrum der Ausstellung „Zeichnen. Im Labyrinth“ im Fischlandhaus Wustrow hängt ein vierteiliges Werk, eine serielle Arbeit mit wiederkehrenden Elementen, Zeichnung und Collage. Es sind Augen, die anklagend schauen, in einem Meer versinken. Füße, Mikadostäbe, Figuren, Boote (Rettungsboote?). Im vierten Bild steht ein Stop-Schild im Zentrum. Es symbolisiert die Forderung, einen weiteren Rechtsruck in Europa zu verhindern. Es fragt aber auch: Wo ist das eigene Stop?

Creutzburgs Arbeiten haben immer mehrere Ebenen. Kunstwerke wie Suchbilder, die an jeder Stelle kleine (aber nicht unschuldige) Geschichten erzählen. Ebenso vielfältig ihre Arbeitsweisen. Die 30 Werke im Fischlandhaus — Zeichnungen, Textilarbeiten, Frottagen, Collagen, Gouachen, Grafik, Malerei, Buchkunstarbeiten — sind ein Ausschnitt ihrer Arbeit von der Wende bis heute. Wie das Bild „Volker“, eine Hommage an Heiner Müller, der auf die Parole „Wir sind das Volk“ antwortete: „Ich bin Volker!“ Aber auch Notiz an Menschen in Not, wie heute wieder. Das Bild sei zwar unmittelbar nach der Wende entstanden, sie sagt aber: „Die Situation heute ist wie damals. Der Deutsche Michel muss mal wieder schwer nachdenken.“ Das Bild ist die Geburtsstunde der Zipfelmütze in ihrem Werk. Darin großes Staunen und der Beginn des Sehens in einer ringsherum explodierenden Welt. „So war das damals für uns Ossis“, sagt sie. So sei das wohl für Flüchtlinge heute.

Das Motto der Ausstellung ziert das Bild „Niemand ist unerwünscht“. Ebenfalls Hommage. Es ist ein Schild, auf das der farbige US-Amerikaner Washington Price in Koeppens Roman „Tauben im Gras“ in Deutschland trifft. „Niemand ist unerwünscht“ — es geht um Heimat, Fremdsein, Ankommen. Überhaupt die Literatur. In Gerlinde Creutzburgs Werk nimmt sie nicht nur darüber eine zentrale Rolle ein, dass Bilder Worte enthalten — Zitate, Romanauszüge, Gedichte. Es lässt sich auch in die Begegnung und die Widmung mit und an Autoren lesen. Autoren wie Friedericke Mayröcker (91), Lutz Rathenow (63), Jürgen Becker (83), Oskar Pastior (1927-2006), Paul Celan (1920-1970), Heiner Müller (1929-1995) oder Inga Christensen (1935-2009), die sie persönlich kennenlernen konnte.

Literatur und Zeichnung. Eines sagt sie von sich sehr sicher: „Das Zeichnen zieht sich durch alles“.

Von Michael Meyer

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