Volltextsuche über das Angebot:

24 ° / 18 ° Regenschauer

Navigation:
„Noch nicht ganz ausfinanziert“

„Noch nicht ganz ausfinanziert“

Musiktheater und Schauspiel neu profilieren, Bühnenfusion mit Leben erfüllen: Lars Tietje, der designierte Generalintendant des Schweriner Theaters, vor dem Start in die erste Saison als Staatstheater

Schwerin „Galilei“, „West Side Story“ — es wird schon gemunkelt über den Spielplan des künftigen Schweriner Intendanten Lars Tietje. Doch der verrät noch nichts — hat im Moment andere Sorgen bis zum Start des Staatstheaters in neuer Landesträgerschaft ab 1. August.

Herr Tietje, Sie kündigen an, dass Sie es zum Beginn Ihrer ersten Spielzeit in Schwerin „richtig krachen lassen“. Wie dürfen wir uns das vorstellen?

Lars Tietje: Wir können, bedingt durch viele Personalwechsel, nicht viele Stücke in die kommende Spielzeit übernehmen. Trotzdem wollen wir ein tolles und breites Programm anbieten. Deshalb starten wir im Schauspiel wie im Musiktheater mit je zwei Doppelpremieren, so dass wir dann wieder frisches Repertoire haben. Im Schauspiel an einem Wochenende zwei Premieren im Großen Haus und eine im E-Werk, also Dreifach-Premiere, im Musiktheater im Abstand von zwei oder drei Wochen.

Vor einem Jahr wurden Sie als künftiger Generalintendant des Mecklenburgischen Staatstheaters vorgestellt. Jetzt hört man häufig viel von Problemen bei der Bildung der neuen Struktur als Theater mit dem Land als Hauptgesellschafter. Glauben Sie, dass die Fusion mit Parchim gelingt?

Tietje: Es sieht danach aus, dass wir alle unseren Zeitplan bis zum Sommer abarbeiten und die Fusion zum 1. August kommt. Ich glaube, wir alle müssen das jetzt hinkriegen.

Woran hapert‘s denn zurzeit?

Tietje: An unzähligen Kleinigkeiten, vor allem Formalia, die zu erfüllen sind, bevor Ministerien ihr Okay geben können. Kultusminister Brodkorb muss ja sein ganzes Kabinett überzeugen, und es gibt ganz harte Fakten dafür, auch gesetzliche Bedingungen, wenn ein Land in eine Gesellschaft einsteigt.

Und die konzeptionellen Fakten müssen Sie liefern?

Tietje: An diesem Punkt muss ich wenig machen, das tut der aktuelle Intendant Joachim Kümmritz. Ich bin nur zum Teil beteiligt, wenn es in Vertragsgestaltungen künstlerischer Mitarbeiter hineinreicht, die meine Zeit betreffen.

Auf welche Produktionen können wir uns denn besonders freuen?

Tietje (lacht): Die Titel verrate ich Ihnen natürlich noch nicht. Im Wesentlichen steht jetzt alles fest; ich musste den Spielplan noch mal ändern, weil sich die finanziellen Rahmenbedingungen geändert haben in den letzten Wochen. Deswegen mussten wir noch mal ein bisschen reduzieren. Trotzdem haben wir einen tollen Spielplan: Es wird ein breites Angebot geben. Wir werden auch weitgehend die Strukturen bedienen, die es schon gibt, nur in einzelnen Kleinigkeiten nicht mehr ganz die Fülle anbieten können, die das Staatstheater hatte. Aber dafür werden die Schweriner das Parchimer Ensemble erleben und die Parchimer erleben Schwerin. Wir werden die Fusion mit Leben erfüllen, mit gegenseitigen Gastspielen.

Sie haben angekündigt, dass Sie einerseits für Kontinuität stehen, andererseits aber auch Änderungen am künstlerischen Profil planen. Was wird denn anders?

Tietje: Kontinuität ist mir ganz wichtig, dass wir die Sachen, die erfolgreich laufen, weiterentwickeln oder so lassen, wie sie sind. Also die Schlossfestspiele, das Februar-Musical, wie jetzt „Fame“, das stets ausverkauft ist. Das versuchen wir weiterhin zu machen, mit hoher Qualität. Wir haben uns sehr genau angeguckt, was für ein Publikum es im Theater gibt, und dieses Publikum wollen wir halten. Natürlich wünscht man sich immer, Publikum zurückzugewinnen, das nicht mehr da ist, oder neues Publikum hinzuzugewinnen — aber das Wichtigste ist, das aktuelle Publikum zu behalten.

Aber Sie sprechen auch von Veränderungen künstlerischer Art?

Tietje: Mir ist wichtig, dass wir das Musiktheater wieder stärker profilieren. Wir werden das Schauspiel, an Schweriner Traditionen anknüpfend, stärker zum eigentlichen Schauspiel profilieren und das unterhaltende Musiktheater, das stark vom Schauspiel abgedeckt wird, wieder in die Verantwortung des Musiktheaters holen. Die Anzahl der Produktionen bleibt ungefähr gleich, aber es wird intern umstrukturiert. Man wird den Musicals anmerken, dass sie vom Musiktheater her gedacht werden.

Beim Intendantenwechsel gibt es am Anfang oft bei Besuchszahlen eine Delle nach unten. Wagen Sie trotzdem eine Prognose, wie viele Zuschauer Sie erreichen wollen?

Tietje: Ich hoffe, wir können anknüpfen bei den rund 190000 Besuchern der vergangenen Jahre, aber ich kann‘s nicht versprechen. Weil wir nicht viel vom alten Repertoire übernehmen können, versuchen wir das dadurch auszugleichen, dass wir vier Produktionen von anderen Theatern holen. Das heißt, die Ausstattung von anderen Theatern kaufen und dann mit eigenem Personal neu einstudieren, um unsere Werkstätten zu entlasten.

Mit wie viel Personal werden Sie am 1. August starten? Hinzu kommt ja noch eine Streichliste von 30 Stellen, die allmählich abzubauen sind.

Tietje: Am 1. August, wenn Parchim mit dazukommt, sind wir bei rund 350 Mitarbeitern in fünf Theatersparten — Musiktheater, Schauspiel, Ballett, Kinder- und Jugendtheater, Fritz-Reuter-Bühne — plus Konzert. Was die Liste betrifft, sind wir auf dem Weg. Ob das genug ist, wissen wir nicht, weil das Geld im Moment auch dafür nicht reicht. Deswegen kann es gut sein, dass wir in den nächsten Jahren noch weitere Stellen anfassen müssen. Aber das ist im Moment aus strukturellen Gründen gar nicht möglich, weil betriebsbedingte Kündigungen durch Haustarifverträge zum Glück ausgeschlossen sind.

Sie nennen sich Pragmatiker, sind aber auch Künstler. Haben Sie Wünsche für die Zukunft?

Tietje: Ich wünsche mir, dass wir mit den neuen Trägern gemeinsam zu Strukturentscheidungen kommen. Ich glaube, dass es dringend erforderlich ist, dass wir gemeinsam sagen, wohin es gehen soll mit diesem Theater und wie das funktionieren kann. Dass wir uns darauf einigen. Und dieser Weg muss ausfinanziert sein. Das ist er im Moment noch nicht ganz. Aber ich bin dennoch optimistisch.

 



Interview von Dietrich Pätzold

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Serie, Weltkrieg, erster Weltkrieg, zweiter Weltkrieg Teaser der den User auf die Sonderseiten zum Thema Weltkrieg führen soll image/svg+xml Image Teaser Weltkrieg 2015-09-23 de Serie Erinnerung an Weltkriege Alle Beiträge und Bildergalerien zum Thema sowie Infos zu Ausstellungen und Museen finden Sie auf unseren Sonderseiten. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier. > Erster Weltkrieg > Zweiter Weltkrieg 1914 bis 1918 1939 bis 1945
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Lererbriefe, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Leserbriefe" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Leserbriefe“ 2015-09-23 de Meinung Ihre Leserbriefe Über unser Kontaktformular können Sie uns gern Lob, Kritik, Ideen oder andere Anmerkungen zu aktuellen Themen aus Ihrer Region, MV und der Welt zusenden. Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Hier geht es zum Formular.